Die Verfolgung der Roma nach der Errichtung des "Protektorats Böhmen und Mähren"

Am 15. März 1939 besetzten die Nazis die sogenannte „Rest-Tschechei“ und riefen das „Protektorat Böhmen und Mähren“ aus. Erneut kam es zu einer Emigrationswelle von Roma und Sinti, dieses Mal in Richtung der Slowakei. Diese Migrationsbewegung kam jedoch bald wieder zum Stillstand. Die deutschen Behörden fuhren zwar fort, Roma aus den annektierten Grenzgebieten der ehemaligen Tschechoslowakei in das Gebiet des „Protektorats“ auszuweisen, doch auch diese Praxis hörte schrittweise auf. Angaben der Protektoratsgendarmerie zufolge lebten nun insgesamt 14 000 Roma im „Protektorat“, doch muss davon ausgegangen werden, dass diese Zahlen höher veranschlagt wurden, als sie in der Realität waren.

Die bedeutendste Maßnahme gegen Roma zu diesem Zeitpunkt war der Erlass der Protektoratsregierung über das Verbot des Umherziehens. In einem Rundschreiben vom 30. November 1939 teilte das Innenministerium des „Protektorats“ den Landesbehörden in Prag und Brünn mit: „Den untergeordneten Behörden und Organen wird aufgetragen, alle (umherziehenden) Zigeuner dazu aufzurufen, sich bis Ende Januar 1940 dauerhaft niederzulassen und das Umherziehen aufzugeben. Die entsprechenden Dokumente, die das Umherziehen erlauben, sind einzuziehen. Wer diesem Aufruf nicht Folge leistet, wird in ein Strafarbeitslager eingewiesen.“

Sich nieder zu lassen brachte jedoch für die Betroffenen einige Probleme mit sich. Das größte Hindernis stellte die Haltung vieler Gemeinden dar, die mittels Ausweisung aus ihrem Gebiet Roma daran hinderten, sich dort niederzulassen. An einigen Orten kam es in der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 1940 zu einer kritischen Lage, da sich viele umherziehende Roma in einer Pattsituation wiederfanden. Auf der einen Seite waren sie dazu verpflichtet, sich niederzulassen, auf der anderen wurden sie von den zuständigen Behörden aus denjenigen Orten, an denen sie dies tun wollten, ausgewiesen. Aufgelöst wurde diese Situation durch einen Erlass des Innenministeriums des „Protektorats“ vom 13. Februar 1940, mit dem den Gemeinden auferlegt wurde, ihr Niederlassungsverbot für Roma zurück zu nehmen und ihre Ansiedlung zu erlauben. Dieser Erlass enthielt darüber hinaus die Anweisung, die Roma und Sinti, die sich auf ihrem Gebiet angesiedelt hatten, zu überwachen und regelmäßig Bericht über ihr Verhalten zu erstatten. Somit befanden sich die neu angesiedelten Roma und Sinti praktisch unter polizeilicher Überwachung.



Eine Romafamilie nach der erzwungenen Ansiedlung, 1940, Zeitschrift der Sicherheitsdienste. (Foto: Muzeum romské kultury.)

Die Protektoratsverwaltung verwendete diese Berichte aus den einzelnen Gemeinden zur weiteren Erfassung und Bereinigung ihrer „Zigeunerevidenz“. Die Daten aus der 1. Tschechoslowakischen Republik wurden als unzuverlässig betrachtet, da sie auch eine große Anzahl von Nicht-Roma umfassten, die keinen festen Wohnsitz hatten sondern ihr Leben auf Wanderschaft führten. Zum 1. April 1940 wurde daher eine erneute Aufstellung erarbeitet, der zufolge auf dem Gebiet des „Protektorats“ 6540 Zigeuner in insgesamt 464 Gemeinden lebten.

Wer sich nicht niederließ, sollte durch die Einweisung in ein Arbeitslager bestraft werden. Diese Internierungslager waren zwar formell mit dem Regierungserlaß vom 28. April 1939 eingerichtet worden, existierten de facto aber bis zum August 1940 nicht. Dennoch forderten viele Gemeinden, die mit der Ansiedlung von Roma auf ihrem Gebiet unzufrieden waren in regelmäßigen Abständen immer wieder die Einweisung von Roma-Männern in diese Arbeitslager. Eines der größten Probleme in den Gemeinden bestand darin, Wohnraum für die Neuzugezogenen zu finden, so dass vielerorts die Roma weiterhin in ihren Wohnwagen oder in Provisorien lebten. Die Gemeinden hatten aber auch kein Interesse daran, dieses Problem zu lösen. In den meisten Berichten aus den Gemeinden hieß es, dass die Roma ein geregeltes Leben führten und einer Arbeit nachgingen. Dennoch enthielten die Berichte immer wieder den Wunsch nach ihrer Internierung in Arbeitslagern als vorbeugende Maßnahme.

Am 10. August 1940 wurden die beiden Strafarbeitslager in Lety u Písku und Hodonín u Kunštát eröffnet. Das Strafarbeitslager in Lety u Písku war für Häftlinge aus Böhmen bestimmt und bestand aus 50 kleinen Holzbaracken für den Sommer und einer großen Holzbaracke für den Winter. Das Lager war für die Unterbringung von 240 Häftlingen in den Sommer- und 80 in den Wintermonaten ausgelegt. Ein ähnliches Lager für Mähren befand sich in Hodonín u Kunštát. Es bestand aus drei Holzbaracken, die im Sommer Unterbringungsmöglichkeiten für 300, im Winter für 200 Menschen boten.

In die Lager sollten erwachsene Männer eingewiesen werden, die keine geregelte Arbeit nachweisen konnten, sich vor der Arbeit drückten oder das Verbot des Umherziehens nicht einhielten. Für die Behörden entstand auf diese Weise eine Möglichkeit, sich ihrer „Problemroma“ zu entledigen. Die Einweisung in die Lager in Lety und Hodonín erfolgte durch die Kreisämter, die auch die Anzahl der Roma in den Strafarbeitslagern insgesamt regulierten. In den Häftlingsevidenzen der Lager wurden Roma mit einem großen „C“ (für tschechisch „cikán“, also „Zigeuner“) gekennzeichnet. Der Anteil der derart markierten Häftlinge in den Lagern lag bei 10 – 25 % aller Häftlinge. In beiden Lagern arbeiteten die Häftlinge im Straßenbau.

Die Wachmannschaften der Lager bestanden aus Mitgliedern der tschechischen Protektoratsgendarmerie und die Lager waren auf Grundlage einer Entscheidung der tschechischen Protektoratsregierung errichtet worden. Die Nazis genehmigten diese bereits vor der Besatzung geplanten Maßnahmen, da sie die Internierung von Roma-Männern in Strafarbeitslagern als Vorphase vor der grundlegenderen Lösung der „Roma-Frage“ ansahen. Bis zum Jahr 1942 konnten die übrigen Roma in relativer Ruhe weiterleben. Die regelmäßigen Berichte der lokalen Gendarmerien informieren uns darüber, dass die Roma – soweit sie die Möglichkeit dazu hatten – arbeiteten und ihre Kinder in die Schule schickten.

Facebook-Gruppe
Kontakt: education@terezinstudies.cz
CC Schreib Autor-nicht benutzen 3.0 Tschechisch (CC BY-NC 3.0)
Das Institut Theresienstädter Initiative Das Jüdische Museum in Prag
Unsere oder Fremd Europe for citizens anne frank house Joods Humanitair Fonds Claims Conference
Foundation for holocaust victims Die Investition in die Entwicklung des Bildungswesens
Nux s.r.o.