Kultur in Theresienstadt

Im Theresienstädter Ghetto entwickelte sich ein unglaublich vielfältiges Kulturleben. Unter den Zehntausenden von Häftlingen, die durch Theresienstadt hindurchgingen, war auch eine Reihe von bedeutenden Künstlern. Anfangs duldete die SS-Kommandantur diese Aktivitäten; im Zusammenhang mit der Verwendung des Theresienstädter Ghettos zu Propagandazwecken ließ sie der jüdischen „Selbstverwaltung“ in diesem Bereich eine beträchtliche Freiheit. So konnte eine Abteilung zur Freizeitgestaltung entstehen, die KünstlerInnen und Kulturschaffende zusammenbrachte und eine breite Palette kultureller Aktivitäten im Ghetto organisierte. Gelegenheit aufzutreten bekamen dabei auch Amateure. In Theresienstadt entstanden bedeutende Kunstwerke, es wurden aber auch anspruchslose Kunstgattungen zur Unterhaltung betrieben. Ihnen allen gemein war jedoch, dass sie den Einzelnen gut taten, die Hoffnung und den Glauben an eine bessere Zukunft aufrecht zu erhalten halfen. Einige kulturelle Aktivitäten bargen in sich eine hintersinnige Symbolik, die einen Ausdruck des geistigen Widerstandes der Häftlinge darstellte.

Bildende Kunst

Das Zentrum der bildenden Künstler im Ghetto war die Zeichenstube der Technischen Kanzlei der jüdischen Selbstverwaltung. Hier arbeiteten die meisten professionellen Maler. Leiter der Zeichenstube war Bedřich Fritta, sein Stellvertreter war Petr Kien. Von einer ganzen Reihe ihrer Mitarbeiter seien hier nur die Bekanntesten genannt: Adolf Aussenberg, Otto Ungar, Leo Haas und Joseph Spier. In ihrer offiziellen Arbeit waren diese Maler gezwungen, vor allem Graphiken und illustrative Anlagen zu Berichten der jüdischen „Selbstverwaltung“, die für die Theresienstädter Kommandantur und andere Organe der SS bestimmt waren, zu zeichnen. Ebenso mussten sie sich an der Vorbereitung von Aktionen wie z. B. dem Besuch ausländischer Delegationen in Theresienstadt beteiligen. Diese Arbeiten hatten zum Ziel, das Ghetto als einen mustergültigen Ort unter Selbstverwaltung darzustellen, der seinen Bewohnern ein sorgenfreies Leben inmitten des in Europa tobenden Krieges ermöglichte.

Ferdinand Bloch: Die Hauptstraße in Theresienstadt

Von ganz anderer Art waren jedoch die Werke, die nach Feierabend in der Zeichenstube entstanden. Die Künstler konnten dafür Papier und anderes Material ihrer Arbeitsstelle benutzen, das ihnen als Häftlinge sonst nicht zugänglich gewesen wäre. In ihrer Freizeit und des Nachts schufen sie Werke, die die rohe Wirklichkeit des Alltags im Ghetto wiedergaben und ihre Gefühle und Empfindungen ausdrückten, aber auch klassische Kunstwerke, die die Schönheit auch unter den Bedingungen des Lagerlebens, das sie auf jedem Schritt und Tritt umgab, fanden. Auf diese Weise entstand eine Reihe von Werken großen, durchschnittlichen sowie niedrigen Kunstwertes, die jedoch alle einen unersetzlichen dokumentarischen Wert hatten, denn sie zeigen wahrheitsgetreu das wirkliche Leben im Ghetto und die Eindrücke und Gefühle ihrer Erschaffer. Die Maler waren meist ältere Mitarbeiter der Technischen Kanzlei, für einige von ihnen wurde ihr Bemühen um künstlerische Darstellung des wirklichen Antlitzes des Ghettos verhängnisvoll. 1944 entdeckte die SS-Kommandantur mehrere Zeichnungen, die sie zu „Gräuelpropaganda“ erklärte. Bedřich Fritta, Otto Ungar, Ferdinand Bloch, Leo Haas und der Architekt Norbert Troller wurden damals verhaftet und zusammen mit ihren Familien in das benachbarte Gestapogefängnis in der Kleinen Festung gebracht. Die Qualen dieser gefürchteten Folterkammer und die folgende Inhaftierung in Konzentrationslagern überlebten nur drei von ihnen: Haas, Troller und Frittas Sohn Tomáš.
 


Leo Haas: Selbstbildnis

Theater

Das Theater entwickelte sich im Theresienstädter Ghetto aus bescheidensten Anfängen. Wie bei anderen Kunstgattungen war es Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach künstlerischer Selbstreflexion auch unter schwierigsten Bedingungen, sowie nach künstlerischer Darstellung der menschlichen Schicksale und Sehnsüchte. Die ersten Theateraufführungen fanden heimlich in kleinen Kreisen statt, ohne jegliche Kostüme oder Kulissen. Das schmälerte jedoch keinesfalls den Einfallsreichtum und Elan der Mitwirkenden oder den Genuss der Zuschauer. Nach einiger Zeit genehmigte die SS-Kommandantur sogenannte "Kameradschaftsabende", in deren Rahmen auch die ersten Aufführungen dramatischer Werke stattfanden.


Programm des ersten im Theresienstädter Ghetto veranstalteten Kulturabends
 

Nicht einmal das sog. leichte Genre, das in der folgenden Zeit die Theresienstädter Kabarette und Revuen darboten, war bloßes Mittel zum Zeitvertreib oder zur Flucht aus der Theresienstädter Realität. Untrennbarer Bestandteil waren Hintersinn und Parabeln, die den Zuschauern gut verständlich waren und die ihnen halfen, mit ihrem Leben in Unfreiheit zurechtzukommen und ihren Willen zum Widerstand zu stärken. Das größte Publikum fanden tschechische und deutsche Kabarette und Revuen. Führende Persönlichkeiten unter den Tschechen waren Karel Švenk, Josef Lustig undFrantišek Kowanitz, unter den Deutschen Hans Hofer (eigentlich Hans Schulhof) und Kurt Gerron.
 


Leo Haas: Kabarett im Hof

Ein hohes Niveau hatten die Theatervorstellungen, die von tschechischen sowie deutschen Gruppen aufgeführt wurden. Für das tschechische Theater war der Regisseur Gustav Schorsch von großer Bedeutung, der vor allem eine Gruppe junger Theaterleute repräsentierte, die schon vor ihrer Deportation nach Theresienstadt zusammen gearbeitet hatten. Für das deutschsprachige Theater in Theresienstadt stand in erster Linie Carl Meinhard, vor dem Krieg ein bekannter Vertreter des impressionistischen und psychologischen Theaters. Aus einer ganzen Reihe der Schauspieler ragte vor allem Vlasta Schönová hervor, die auch als Regisseurin tätig war.

Zum Theaterleben im Ghetto gehörte auch das Theaterspiel der Kinder. Ihre Vorführungen wurden von den Kindern selbst unter der Leitung ihrer Erzieher in den Kinderheimen vorbereitet.

Literatur

Das literarische Schaffen im Theresienstädter Ghetto war im Unterschied zu öffentlichen Vorführungen ein eher intimer Bereich und seine Ergebnisse waren nur einem engen Kreis der Eingeweihten bekannt. Oft verschwanden auch die Werke zusammen mit ihren Autoren in den Vernichtungslagern und gingen so für immer verloren. So ist es nicht möglich, den gesamten Umfang des literarischen Schaffens in Theresienstadt auch nur zu erahnen. Man kann nur von dem ausgehen, was bis heute erhalten blieb. Aber auch das, was heute bekannt ist, ist beeindruckend.

Die tschechischen Juden bildeten die größte Gruppe der Häftlinge. Sie fühlten sich noch immer in ihrem eigenen Land, wenn auch in einer unfreien Gemeinschaft gefangen. Sie hatten für ihr Schaffen eine bessere Grundlage als die Häftlinge aus anderen Ländern. Ihr Schaffen setzte die Tradition der tschechischen Volksliteratur fort, von großer Bedeutung war dabei die lyrische Dichtung.

Einen bedeutenden Bestandteil des Theresienstädter literarischen Schaffens bildeten die Werke junger Autoren, die sich durch unglaubliche Reife kennzeichnen und u. a. auch ein Beleg dafür sind, dass Kinder und Jugendliche unter den Bedingungen des Ghettos schnell alterten und die Welt bald mit den Augen ihrer erwachsenen Mithäftlinge wahrnahmen. Das bekannteste Beispiel ist die Zeitschrift „Vedem“ („Wir führen“), um die sich junge Autoren wie z. B. Petr Ginz oder der Dichter Hanuš Hachenburg, der nur 15 Jahre alt wurde, sammelten. In Theresienstadt erschienen einige weitere Zeitschriften in einem oder mehreren Exemplaren, die junge und erwachsene Autoren veröffentlichten.
 

Petr Ginz war Redakteur der Zeitschrift "Vedem". Er wurde in Auschwitz ermordet.

Der zweite wichtige Teil des literarischen Schaffens im Theresienstädter Ghetto war der Deutschsprachige. In ihm ist der Nachklang des Prager Kreises der deutschen Literatur zu erkennen, der Elemente des deutschen, jüdischen sowie tschechischen Kulturmilieus verknüpfte und enge Kontakte mit der österreichischen Literaturszene pflegte. Ins Theresienstädter Ghetto wurden viele Autoren deportiert, die schon vor dem Krieg berühmt waren, wie Camill Hoffmann, Otto Brod und Ludvík Karpe, aufstrebende junge AutorInnen wie Ilse Weber oder Gertrud Groag, aber auch Autoren wie Hans Kolben oder Georg Kafka, die erst am Beginn ihrer Karriere standen. Auch aus Österreich kamen Dichter und Schriftsteller aus verschiedenen Generationen und literarischen Richtungen. Ihre berühmtesten Vertreter waren Leo Strauss, Walter Lindenbaum und Ludwig Hift.

Musik

Ganz außerordentlich war auch die Menge an musikalischen Darbietungen im Ghetto. Die Anfänge waren dabei mehr als bescheiden, denn es mangelte an Musikinstrumenten und geeigneten Räumen. Umso größer war die Begeisterung der Organisatoren des Musiklebens, als eine ganze Reihe von aktiven Künstlern nach Theresienstadt kam. Allen voran Rafael Schächter, der im Ghetto einen Chor gründete und mit ihm die Oper „Die Verkaufte Braut“ von Bedřich Smetana und spätere weitere tschechische Opern, aber auch Werke von Mozart einstudierte. Zum großen Erfolg wurde das „Requiem“ von Giuseppe Verdi. Obwohl es sich um christliche sakrale Musik handelte, verstanden die Häftlinge eindeutig seine Botschaft, die die Hoffnung auf Befreiung der Leidenden sowie den Glauben an eine bessere Zukunft ausdrückte. Zusammen mit Rudolf Franěk führten Schächter und der Chor die Kinderoper „Brundibár“ auf, die eine ähnliche Botschaft für Kinder und Jugendliche vermittelte. Mit deutschen Künstlern arbeiteten im Bereich der Opernmusik in Theresienstadt vor allem Franz Eugen Klein und Karl Fischer zusammen.


Gedenkprogramm der Vorführung der Verkauften Braut von Smetana in Theresienstadt

Unter den im Ghetto arbeitenden Komponisten waren Hans Krása, Pavel Haas, Gideon Klein, Viktor Ullmann und Karel Reiner die Bekanntesten. Reiner war der Einzige von ihnen, der die Befreiung erlebte. Ihre Musik gehört auch heute noch zum Repertoire vieler bekannter Musikensembles, obwohl nur ein Teil ihres Werks erhalten blieb.

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