Der nationalsozialistische Massenmord an den europäischen Juden

Am 22. Juni 1941 begann die „Operation Barbarossa“ – Deutschlands Angriff auf die Sowjetunion. Seit den 1920er Jahren betrachteten die Nazis den Bolschewismus als ihren gefährlichsten Gegner, denn sie sahen in der Sowjetunion eine Tarnung der angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“. Als die Nazis ins Innere der Sowjetunion vorstießen, erlangten sie die Kontrolle über zahlreiche jüdische Gemeinden, die sich vom Baltikum über Weißrussland und die Ukraine bis hin zum Schwarzen Meer erstreckten.

Den Schluss der Deutschen Wehrmacht bildeten sogenannte „Einsatzgruppen“, zusammengesetzt aus Sicherheitsdienst und Polizei. Diese Einheiten waren geschaffen worden, um die bevölkerungspolitischen Vorstellungen der Nazis in den eroberten Gebieten umzusetzen. Bereits in Polen hatten die Mitglieder der Einsatzgruppen mehrere zehntausend Menschen ermordet, darunter auch etwa 7000 Jüdinnen und Juden. Für den Krieg gegen die Sowjetunion erhielten die Einsatzgruppen nun weitere Aufgaben. Bekannt geworden ist vor allem der sogenannte „Kommissarbefehl“ bzw. die „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ vom 6. Juni 1941. Dieser beinhaltete einerseits die Anweisung an alle Wehrmachtssoldaten, die politischen Kommissare, die jeder Einheit der Roten Armee zugeordnet waren, nicht gefangen zu nehmen, sondern auf der Stelle zu erschießen, andererseits sollten die Angehörigen der Einsatzgruppen unter den Kriegsgefangenen diejenigen „herausfiltern“, die nach nationalsozialistischer Vorstellung kein Recht auf Leben besaßen – „Intelligenzler“, Juden und „unheilbar Kranke“. Dies entsprach dem, was sie auch im Übrigen während des Krieges hauptsächlich taten. Die Einsatzgruppen stellen eine der Haupttätergruppen des Holocaust dar, die, der Wehrmacht nachfolgend, in erster Linie die jüdische Bevölkerung, aber auch Roma und psychisch kranke oder körperlich behinderte Menschen ermordete. Mit Unterstützung der Wehrmacht und weiterer Kampfgruppen ermordeten sie etwa 1,35 Millionen Jüdinnen und Juden allein auf dem Gebiet der Sowjetunion und Hunderttausende weitere Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger. Eines der größten und bekanntesten Massaker, das die Einsatzgruppen zu verantworten hatten, war die Exekution der ca. 33 000 Jüdinnen und Juden aus Kiev in der Schlucht Babi Yar Ende September 1941.

Einsatzgruppen exekutieren Juden in der Ukraine, 1942. (Foto: mit Genehmigung des USHMM Photo Archives.)

1941 fällten die Nazis endgültig die Entscheidung, sämtliche Jüdinnen und Juden in den von ihnen kontrollierten Gebieten zu ermorden. Am 31. Juli 1941, unmittelbar nachdem die Offensive gegen die Sowjetunion begonnen hatte, erhielt Heydrich eine von Göring unterzeichnete Genehmigung zur Vorbereitung einer "Gesamtlösung der jüdischen Frage". Seine Absicht, die ca. 11 Millionen Juden, die sich in den von den Nazis kontrollierten Gebieten befanden, zu ermorden, verkündete Heydrich bei einer Konferenz hochrangiger Nazis im Januar 1942 in Berlin-Wannsee. Die Wannsee-Konferenz war jedoch nicht, wie oft behauptet wird, der Ort, an dem die Entscheidung zur Ermordung der europäischen Juden gefällt wurde. Diese war bereits zuvor gefallen. Die Konferenz diente nun lediglich noch der Koordinierung und Organisation des Massenmordes. Vor dem Hintergrund dieser Entscheidung erschienen die Erschießungen nun nicht mehr als probates Mittel; sie waren den Nazis nun zu wenig „effektiv“ und zudem begannen diejenigen, die die Erschießungen ausführten, sich zu beschweren.

Auf der Suche nach der effektivsten Tötungsweise griffen die Nazis auf eine Methode zurück, die sie bereits während der Ermordung psychisch kranker und gehandicapter Menschen im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ angewandt hatten und entwickelten diese weiter. So entstand der „Gaswagen“, eine mobile Gaskammer, in der die Opfer mittels der Auspuffgase des LKWs, in dessen Laderaum sie eingesperrt wurden, ermordet wurden. Zunächst setzten die Einsatzgruppen diese Gaswagen auf ihrem Weg an verschiedenen Orten ein, doch bald erschien auch dies den Nazis als nicht „effektiv“ genug. Im Dezember 1941 entstand im polnischen Ort Chełmno, deutsch Kulmhof genannt, das erste nationalsozialistische Vernichtungslager, in dem die Gaswagen nun stationär eingesetzt wurden. Es war in zwei Phasen insgesamt 18 Monate lang in Betrieb. Mindestens 157 477 Menschen wurden hier von den Nazis ermordet. Lediglich eine einzige Person, die von den Nazis zur Ermordung in Kulmhof vorgesehen worden war, erlebte das Kriegsende.

Doch auch das Vernichtungslager Kulmhof erschien den Nazis noch nicht ausreichend. Im Rahmen der „Aktion Reinhard“, der Errichtung der drei Vernichtungslager in Bełżec, Sobibór und Treblinka ab März 1942 entwickelten sie ihre Mordtechnik und die dazugehörigen technischen Anlagen immer weiter. In Bełżec hatten die Gaskammern zunächst ebenso wie in Sobibór eine Kapazität von 1200 Menschen, später wurde diese erhöht auf 3000, in den Gaskammern in Treblinka schließlich wurden 4000 Menschen auf einen Schlag ermordet. In allen drei genannten Lagern erweiterten die Nazis die Kapazitäten der Gaskammern immer wieder. In Bełżec ermordeten die Nazis innerhalb von knapp zehn Monaten mindestens 434 508 Jüdinnen und Juden, 1500 Polen und eine bislang ungeklärte Zahl Roma, in Sobibór dauerte der Massenmord an mindestens 152 000 Menschen insgesamt 18 Monate. In Treblinka ermorderten die Nazis innerhalb eines knappen Jahres 780 000 Menschen, die sie als „jüdisch“ definierten. Die Gesamtzahl der Opfer der „Aktion Reinhardt“, die der Historiker Stefan Lehnstaedt als „Kern des Holocaust“ bezeichnet, beläuft sich somit auf mindestens 1,36 Mio. Menschen. Im insgesamt größten nationalsozialistischen Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau wurde über eine Million weiterer Menschen zu Opfern der nationalsozialistischen Massenmorde, unter ihnen mindestens 960 000 Jüdinnen und Juden.

 

Literatur:

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DAMS, Carsten/STOLLE, Michael: Die Gestapo. Herrschaft und Terror im Dritten Reich, München 2008.

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LEHNSTAEDT, Stephan: Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt, München 2017.

POHL, Dieter: Massentötungen durch Giftgas im Rahmen der "Aktion Reinhard", in: MORSCH, Günter/PERZ, Bertrand (Hg.): Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Historische Bedeutung, technische Entwicklung, revisionistische Leugnung, Berlin 2010, S.185-194.

RÜCKERL, Adalbert: NS-Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse, München 1977.

VAN PELT, Robert Jan: Auschwitz, in: MORSCH, Günter/PERZ, Bertrand (Hg.): Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Historische Bedeutung, technische Entwicklung, revisionistische Leugnung, Berlin 2010, S. 196-218.

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