Die „Verschönerungsaktion“ in Theresienstadt

anlässlich des Besuches des Internationalen Roten Kreuzes am 23.Juni 1944

In diesen Tagen erinnern wir uns an ein Ereignis, das unter der Bezeichnung Verschönerungsaktion bzw. Stadtverschönerung Theresienstadt in die Geschichte des Holocaust eingegangen ist. Anlässlich dieser Gelegenheit möchten wir vor allem der Häftlinge des Ghetto Theresienstadt gedenken, die nicht nur inhaftiert und durch Hunger, unerträgliche Lebens-bedingungen, Hinrichtungen und Deportationen in die Gaskammern von Auschwitz und anderen Vernichtungslagern gequält und ermordet wurden, sondern darüber hinaus noch zu einem absurden Schauspiel missbraucht wurden: um die wahren Verhältnisse im sog. Ghetto Theresienstadt zu vertuschen, mussten sie die Rolle zufriedener Bewohner eines kleinen Provinzstädtchens spielen.

Gleichzeitig führt uns dieses Ereignis bis heute die Macht von Propaganda und der systematischen Verbreitung von Halbwahrheiten und Lügen vor Augen, und wie diese schrittweise Akzeptanz in der breiten Bevölkerung finden. Den Verlauf des Besuches der Kommission des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) und dessen Bedeutung dokumentiert die Filmmacherin Martina Malinová in einem Interview mit Doris Grozdanovičová, einer ehemaligen Insassin des Konzentrationslagers Theresienstadt und Augenzeugin des IRK-Besuchs, und David Haas, dem Enkel eines der bedeutendsten Theresienstädter Maler, Bedřich Fritta, dessen Bilder auf kompromisslos ironische Art und Weise den Zynismus und die Menschenverachtung des Nazi-Regimes bloßstellen.

 

 

Die Verschönerung

Das steigende internationale Interesse an der Situation der Juden im Dritten Reich beweist eine Anfrage des Internationalen Roten Kreuzes zu Beginn des Jahres 1943 für einen Kontrollbesuch eines der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Als passendes Anschauungsobjekt wählten die Nazis Theresienstadt aus. Die Vorbereitungen begannen im Frühjahr 1943 und fanden ihren Abschluss wenige Wochen vor dem angekündigten Besuch. Teil der Vorbereitungen waren u.a. die Umbenennung des „Ghettos“ in „jüdisches Siedlungsgebiet“, sowie die Gründung einer Bank in „Selbstverwaltung“ mit eigenen Geldnoten, die in Wirklichkeit nichts weiter waren als wertloses Papier. Geschäfte wurden eingerichtet, in denen Waren zum Kauf angeboten wurden, die den ankommenden Häftlingen in Theresienstadt entwendet worden waren. Es gab plötzlich einen Kinderspielplatz und ein Kaffeehaus. Im Rahmen der Stadtverschönerung wurden auch schon länger inhaftierte Häftlinge, die „nicht mehr gut aussahen“ aus dem Blickfeld geschafft, d.h. zur Vergasung nach Auschwitz deportiert. So konnten der Kommission eine „Stadtbevölkerung“ aus ausschließlich kräftigen und gesunden Ghettoinsassen vorgeführt werden. Die Straßen wurden zurecht gemacht und geschmückt, und einige Wohnungen speziell hergerichtet, die der Kommission gezeigt werden sollte.
 

01_Fritta_Kaffeehaus.jpgBedrich Fritta: Kaffeehaus (1943/1944) (Quelle: Private Sammlung Familie Haas)

Der Besuch

Der Besuch der zehnköpfigen Kommission fand am Freitag, dem 23. Juni 1944, von ungefähr 12 bis 16 Uhr statt. Die Delegation wurde, begleitet vom Lagerkommandanten sowie dem Judenältesten, entlang einer exakt geplanten Strecke geführt, während der sie ein vorher sorgfältig einstudiertes Schauspiel mit ausgewählten Ghettoinsassen vor aufwendig gestalteter bunter Kulisse vorgeführt bekam.

Aus dem Bericht von S. van den Berg:

Meine Frau und ich bestanden den Test, und vierzehn Tage später zogen wir in ein noch kahles, weiß getünchtes Zimmer in der Hamburger Kaserne. [...]. In der Nacht vor dem Besuch der Kommission aber spielte sich in unserem Zimmer eine wahre Tragikomödie ab. Um 22 Uhr hatten wir uns schlafen gelegt. Kaum waren wir eingeschlafen, klopfte ein jähzorniger Tscheche an die Tür. Er stand da mit einem und Stühlen. Nur mit Mühe konnten wir ihm klarmachen, dass unser Mobiliar schön genug war und daß er mit seinem Tisch und den Stühlen zum Teufel gehen sollte. Wir wollten schlafen. Doch das blieb ein Wunschtraum. Ungefähr eine Stunde später, nun aber ohne anzukopfen, kam ein Mann mit einer großen Leiter herein. Zum Entsetzen meiner Frau stellte er sie über ihrem Bett auf und begann Vorhänge und Gardinen aufzuhängen. [...] Vor fünf Uhr am Morgen kam eine stattliche ergraute Dame mit einem Teppich und einem Tischtuch vorbei, und um 5.30 Uhr schließlich stellte ein Gärtner Geranien vor das Fenster und einen Blumenstraß auf den Tisch.1

02_Fritta_pokoj.jpgBedrich Fritta; Das Zimmer/Pokoj (1944) (Quelle: Private Sammlung Familie Haas)

Der Bericht

Dr. Maurice Rossel, der als Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes Teilnehmer der Kommission war, verfasste einen kurzen Bericht, in dem er die Lebensverhältnisse im Ghetto in überschaubare Kapitel unterteilte: Bevölkerung, Verwaltung, Wohnverhältnisse, Verpflegung, Bekleidung, Arbeit, etc. Er gab in diesem Bericht das wieder, was ihm vorher gezeigt wurde.

Einige Auszüge:

  • Unterkünfte: Ausreichend Bettwäsche, regelmäßige Wechselmöglichkeit, Wolldecken in hervorragendem Zustand.

  • Verpflegung: Man kann sich überall vom ausreichendem Ernährungszustand der Bevölkerung überzeugen. Siehe die Fotodokumentation Kindergruppe.

  • Bekleidung: Die Menschen, denen wir unterwegs begegnen, sind unterschiedlich gekleidet, so wie man es sich in einem kleinen Städchen erwarten würde, von wohlhabend bis einfach. Elegante Damen tragen seidene Strümpfe, Hüte, Halstücher und moderne Handtaschen.

  • Einrichtung Krankenstationen: Der Zustand der medizinisch-chirurgischen Instrumente ist in jeder Hinsicht zufriedenstellend. Es gibt sicher wenige Orte, in denen die Bevölkerung solch eine Pflege genießen dürfte wie in Theresienstadt.

Kommentar des Berichtes von Doz. Vojtech Blodig

Die größte Lüge, die Rossel in seinem Bericht anführte, war, dass Theresienstadtein Endlager sei und normalerweise niemand, der einmal hier angekommen war, woanders hingeschickt werde. Tatsächlich wurden die Häftlinge – Männer, Frauen und Kinder – aus Theresienstadt in verschiedenen Intervallen über den gesamten Zeitraum der Existenz des Lagers in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Treblinka und Sobibor deportiert. Tausende Menschen wurden vor und nach der Verschönerungsaktion und Besichtigung in den Tod geschickt.

Aus einem Gespräch, das Claude Lanzmann, Regisseur und Autor des Filmes Shoa (1979) über den Holocaust mit M. Rossel führte, geht hervor, dass der 27-jährige Arzt zur Zeit des Besuchs selbst Vorurteile gegenüber Juden hatte. Während des Interwievs erklärte er, das Lager habe den Eindruck gemacht, als ob dorthin die Israeliten sehr reiche Leute oder diejenigen schicken, die in ihrer Stadt irgendwie wichtig waren und die nicht einfach so verschwinden konnten. [...].2 Er warf den Häftlingen, die er während des Besuchs traf, vor, sie hätten keinerlei Versuch gemacht, etwas zu signalisieren: Da der Mensch, der aufgrund seiner Arbeit ganze Monate verschiedene Lager besucht, gewöhnlich immer jemanden trifft, der ihn irgendwie anzwinkert, der sich bemüht, ihn auf etwas aufmerksam zu machen. Das war geläufig. Aber hier nichts, absolut nichts. Es lag so eine Gehorsamkeit und Passivität darin, das war für mich das Schrecklichste.3

Aussagen von Zeugen bestätigen hingegen die Enttäuschung darüber, dass die Delegierten die Inszenierung, die ihnen vorgeführt worden war, nicht als solche erkannten und das Schauspiel für bare Münze nahmen: Es gab im Lager niemanden, der daran gezweifelt hätte, oberstes Gesetz der Mitglieder dieser Kommission sei das Misstrauen. Ausnahmslos waren wir alle davon überzeugt, das Gestellte der Szenerie müsse den Blick hinter die schöne Kulisse schärfen. Es gab keinen Zweifel für uns, daß jeder Mensch mit common sense durch die Plumpheit der Vorkehrungen darauf hingewiesen würde, hier wohne er der Einstudierung einer Farce bei.4

03_Fritta_ObchodyvTerezine.jpgBedrich Fritta: Geschäfte in Theresienstadt (1944) (Quelle: Private Sammlung Familie Haas)

Die Nazis nutzten die Kulisse des verschönerten Lagers nicht nur für den Besuch des IRK, sondern auch für weitere Propaganda über Theresienstadt, eine Stadt, in der man gut lebe. Wenige Wochen nach dem Besuch des Dänischen und Internationalen Roten Kreuzes wurden Filmaufnahmen gemacht. Im August und September 1944 wurde hier der Film mit dem ursprünglichen Titel Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet gedreht. Da er jedoch erst in den letzten Kriegsmonaten fertig gestellt werden konnte, wurde er nie einem größeren Publikum vorgeführt. In den letzten Monaten der Existenz des Lagers wurde Theresienstadt noch mehrmals verschiedenen ausländischen Besuchern vorgeführt.

Warum?

Hauptziel der mehrmonatigen Bemühungen der Nazis war es, die Weltöffentlichkeit zu täuschen und ihr einzureden, dass es den den jüdischen Bürgern des dritten Reiches und dessen besetzten Ländern gut ginge, dass sie nicht diskriminiert, verfolgt oder ermordet würden. Und das gelang tatsächlich – dank des Desinteresses und Nachlässigkeit der Delegierten und der Angst der unfre willigen Theresienstädter Schauspieler.

Obwohl wir heute wissen, dass auch das kulturelle Leben, Vorträge und sportliche Veranstaltungen die ganze Zeit über Teil der Täuschung waren, entsteht doch im ersten Moment ein Bild einer funktionierenden Stadt, in der es den Menschen noch relativ gut ging. Hier müssen wir uns bewusst machen, dass es nur eine Inszenierung war, die den wahren Charakter vertuschen sollte, nämlich aus niedersten Motiven die eigenen Nachbarn loszuwerden, sie stufenweise in den Tod zu treiben oder aktiv zu ermorden. Eine Lektion, die zeigt, welche Macht Propaganda, die Verbreitung von Lügen und falschen Bildern, hat.

Erläuterungen

1:

Benz, Wolfgang. Theresienstadt, eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung. München: C. H. Beck, 2013. S. 186-187.

2:

Benz, Wolfgang. Theresienstadt, eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung. München: C. H. Beck, 2013. S. 190.

3:

Benz, Wolfgang. Theresienstadt, eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung. München: C. H. Beck, 2013. ebd.

4:

Benz, Wolfgang. Theresienstadt, eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung. München: C. H. Beck, 2013. ebd., S. 191-192.

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