Aufbaukommando
Der erste Transport ins Theresienstädter Ghetto am 24. November 1941
Am
Im Sommer 1941 wurde in der Jüdischen Kultusgemeinde in Prag die Abteilung G (Ghetto) eingerichtet, die den Plan für die Errichtung eines jüdischen Arbeitslagers im Protektorat schaffen sollte. Theresienstadt erscheint, als eine der möglichen Lokalitäten, in den Dokumenten der Abteilung G erst im November 1941. Trotz der Vorbehalte der Leitung der Jüdischen Kultusgemeinde gegen diesen Ort und der Furcht vor seinem Festungscharakter fiel die Wahl der Deutschen schließlich gerade deshalb auf Theresienstadt: die Kasernen waren für die Massenunterkunft geeignet, die Stadtschanzen und Festungswälle sicherten eine einfache Isolation von der Außenwelt und in zweieinhalb Kilometer Entfernung von Theresienstadt befand sich eine Eisenbahnstation.
Die Angehörigen des AK I wurden in einem der heruntergekommenen Kasernenobjekte eingesperrt, das nur mit einigen beschädigten Betten, Tischen und Bänken ausgestattet war. Aus den ehemaligen Stallungen, leeren Lagerräumen und weiteren Räumen, die nie zum Wohnen genutzt worden waren, machte man jetzt Wohnräume, oft schlecht beleuchtet und ohne die Möglichkeit, auf eine erträgliche Temperatur geheizt zu werden. Ruth Bondy schreibt in ihrem Buch Jakob Edelstein über die Ankunft des Aufbaukommandos I: (...) die Vortruppe (...) fand die Sudeten-Kaserne (...) leer und schmutzig (...) Im Erdgeschoss gab es Stallungen, Lagerräume, WCs, primitive Duschen und zwei dunkle, unausgestattete Küchen (...) In den Stallungen lag Gerümpel herum und der feuchte Betonboden war schmutzig. Auf diesen Boden legten sich in den frostigen Dezembernächten die ersten Angekommenen schlafen, ohne Matratzen, ohne auch nur ein bisschen Stroh, nur mit den Rucksäcken unter dem Kopf, während von der Decke das Wasser tropfte. Trotz der Versprechungen sorgten die Deutschen nicht für Essen; die Angekommenen lebten vom Vorrat, den sie von Zuhause mitgenommen hatten, und litten unter immer größerem Hunger. (S.248f.)
Das Aufbaukommando durfte die Kaserne, wo es untergebracht war, fast nicht verlassen, und konnte sich dadurch auch nicht seinen Aufgaben widmen. Eine Woche später erreichte Theresienstadt trotzdem ein weiterer Transport mit tausend Männern, das sog. Aufbaukommando II, das mit ähnlichen Tätigkeiten wie die Angehörigen der ersten Gruppe beauftragt wurde. Am 4. Dezember kam in Theresienstadt der Ältestenrat der Juden mit 22 Mitgliedern an, an dessen Spitze Jakob Edelstein stand.
Es folgten weitere Transporte. Bis Ende 1941 gelangten in die nicht vorbereiteten Einrichtungen des Theresienstädter Lagers 8000 Häftlinge. Die ursprüngliche Zivilbevölkerung, die Theresienstadt schon Ende Juni 1942 verlassen hatte, durfte mit keinem der deportierten Juden in Kontakt kommen. Schnell kam auch eine Reihe von Verboten: auf dem Bürgersteig gehen, in Geschäften einkaufen, pfeifen, singen etc. Die Juden in Theresienstadt wurden von 600 tschechischen Gendarmen bewacht, die in drei Schichten arbeiteten. Die Illusion einer funktionierenden, produktiven jüdischen Stadt mit eigener Selbstverwaltung zerfiel ganz und gar. Den in AK I und AK II transportierten Juden wurde eine Menge von Vorteilen versprochen, die jedoch allmählich aufgehoben wurden. Auch das wichtigste Privilegium der Aufbaukommandoangehörigen, der Schutz vor den Transporten nach Osten, galt nur bis 1944; die meisten von ihnen wurden aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Von den 342 jungen und gesunden Männern, die am 24. November 1941 nach Theresienstadt deportiert wurden, erlebten nur 86 die Befreiung.
H. G. Adler: Theresienstadt 1941-1945: das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Tübingen 1960
Ruth Bondyová: Jakob Edelstein, Sefer, Praha 2001, erschienen auch auf Englisch unter dem Titel Elder of the Jews: Jakob Edelstein of Theresienstadt, Grove Press, 1989
Anita Franková: Die Vorbereitungen zur Konzentrierung der Juden im Protektorat; Die Vorgeschichte des Theresienstädter Ghettos, in Theresienstädter Studien und Dokumente 2001, S. 49-74


