Roma in der Tschechoslowakei vor der Okkupation

Vorkehrungen gegen Roma vonseiten der Behörden hatten eine lange Tradition, die der Zeit der Besetzung tschechischer Länder vom nationalsozialistischen Deutschland vorangingen. Gesetzliche Maßnahmen und die praktische Umsetzung dieser Politik zeigte sich vor allem im Gesetz Nr. 117/27 vom 15. Juli 1927 über wandernde Zigeuner. Das Modell dafür war das Französisch Gesetz von 1912 über Nomaden und das Bayerische Gesetz "zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen von 1926. Die tschechoslowakische Behandlung der Zigeunerfrage gehörte zu den konsequentesten in Europa und wurde in den 30er Jahren als beispielhaft angegeben bei internationalen kriminaltechnischen Konferenzen, die sich mit dieser Aufgabe befassten. Der Initiator zur Verabschiedung dieses Gesetzes wurde vor allem die Agrarpartei, dessen Vorsitzender Beran in der Republik nach München zum Ministerpräsidenten ernannt wurde.

Auf der Grundlage des Gesetzes über wandernde „Zigeuner“ führte die Polizei mit Sitz in Prag Ermittlungen, in denen sie alle Menschen ermittelte, die „Zigeuner“ waren oder wie „Zigeuner“ lebten. Personen, auf die das Gesetz zutraf, wurden als Zigeuner, die von Ort zu Ort wandern und andere arbeitsscheue Menschen bezeichnet. Jenen Menschen, die so bezeichnet wurden und älter als 14 Jahre waren, wurden „Zigeunerlegitimationen“ ausgestellt, die unter anderem persönliche Daten, eine Personenbeschreibung und Fingerabdrücke beinhalteten. Auf der Grundlage von Durchführungsverordnungen wurden Besitzern dieser Zigeunerlegitimation der Eintritt in verschiedene Örtlichkeiten (z.B Badeorte, Ortsteile von Großstädten usw.) verweigert. Im damaligen Europa wurden solche Vorkehrungen nicht als außergewöhnlich betrachtet. Der Grund dafür war die verbreitete Meinung über wandernde Zigeuner als assoziale und kriminelle Elemente. Im Jahr 1928 wurde von polizeilichen Organen eine Liste erstellt, in der insgesamt 36.000 Personen eingetragen wurden, denen „Zigeuner-Legitimationen“ ausgehändigt wurden. Zusätzlich wurden sie in einem zentralen Register in Prag. geführt. Viele Roma bekamen eine „Zigeuner-Legitimation“ obwohl sie sesshaft waren. Der Grund dafür war vor allem, dass die Gemeinden das Bürgerrecht bei ihnen nicht anwenden wollten.

In der damaligen Tschechoslowakei lebten vor 1938 wahrscheinlich 70.000-100.000 Roma. Die überwiegende Mehrheit davon war in der Slowakei beheimatet. Offizielle Statistiken gaben niedrigere Zahlen von Roma and, die auf dem damaligen Gebiet der Tschechoslowakei sesshaft waren. Nach einer Zählung in den Jahren 1922-24 waren auf tschechoslowakischem Boden 56.266 Roma, davon in 579 in Böhmen und in Mähren und Schlesien 2139 Personen. Slowakische Roma bildeten damit die größte Gruppe der Roma. Die zweitgrößte Gruppe war die der Roma in Böhmen und Mähren. Während Roma in Mähren halbsesshaft bzw. sesshaft waren und konzentriert in Roma-Siedlungen im Süd-östlichen Mähren (Oslawan bei Brünn, Svatobořice, Mariaschein, Straßnitz atd.) lebten, reisten böhmische Roma ohne Einschränkung umher. Dazu waren sie zahlenmäßig die schwächere Gruppe. Typische Nachnamen böhmischer Roma waren Růžička, Richter usw. In Mähren waren häufige Nachnamen Daniel, Holomek und weiters Herák, Ištván, Kýr und Murka. Diese Roma-Gruppen wurden ergänzt durch ungarische Roma, die im Süden von der Slowakei lebten, und Sinti (Deutsche Roma), die sich in deutschsprachigen Gebieten im nördlichen Böhmen und in weiteren von Gebieten, in denen Deutsch gesprochen wurde.

Häuser sesshafter Roma in Straßnitz, 1941. (Foto: Museum der Roma-Kultur, Sammlung J.Skácel.)

Unter den Beschäftigungen der Roma vor dem Krieg waren immer noch traditionelle Handwerke (vor allem die Berufe Schmied und Musiker), die aber vor allem durch Lohnarbeit in der Industrie (vor allem im Baugewerbe) und der Landwirtschaft, gegebenfalls verschiedene Arten des Wandergewerbes und Zwischenhandels. Manchmal verbanden Roma traditionelle Handwerke und Taglohnarbeit. Angesichts der Saisonalität dieser Berufe wurde in manchen Fällen Kleinkriminalität als Mittel zur Beschaffung von Nahrungsmitteln (widerrechtliches Betreten von Wald und Feldern, einfacher Diebstahl) benutzt. Statistischen Angaben zufolge waren MusikantInnen und Kleinhändler die am meisten ausgeübten Berufe der Roma in Böhmen. In Mähren überwogen Hilfsarbeiter und Tagelöhner. Die unterschiedlichen Professionen sind auf die sesshafte und nomadische Lebensweise zurückzuführen.

Trotz der Diskriminierung der Roma durch das Gesetz Nr. 117/27 über wandernde „Zigeuner“ verlief an vielen Stellen eine natürliche Integration der Roma in die Gesellschaft. Das deutlichste Zeichen dafür ist die Tatsache, dass im Jahre 1936 der mährische Rom Tomáš Holomek aus der Roma-Sieldung in Svatobořice.

Ende der 30er Jahre erschienen in der Tschechoslowakei die Ergebnisse der Verfolgung deutscher Roma durch die NationalsozialistInnen, welche sofort nach der Machtergreifung im Jahr 1933 begann und immer weiter steigerte. Anti-Roma-Vorkehrungen im Deutschen Reich und ab 1938 auch in Österreich hatten zur Folge, dass viele Roma-Familien in die Tschechoslowakei flohen. Von dort wurden die für die Behörden unerwünschten MigrantInnen gemäß des Gesetzes Nr. 117/27 über wandernde „Zigeuner“ wieder zurück vertrieben. Die Situation verschlechterte sich nachdem Grenzgebiete der Tschechoslowakei ins Deutsche Reich eingegliedert wurden, resultierend aus dem Münchner Abkommen im September 1938.

Deutsche Behörden begannen in den beschlagnahmten Gebieten sofort die Gesetze der Nazis zu übernehmen, zu denen auch alle vorhandenen Anti-Roma Gesetzen gehörten. Vor allem gegen Roma Familien, die keine „Heimatberechtigung“ im übriggebliebenen Teil der Tschechoslowakei hatten, wurden angezeigt. Tschechische Polizeiorgane brachten so einen Teil der vertriebenen Roma zurück in die beschlagnahmten Gebiete. Manche Roma Familien überquerten zu dieser Zeit – legal aber auch illegal – mehrere Male die Staatsgrenze. Die damalige Presse kommentierte die Situation wiefolgt: Und anscheinend haben sich alle bei uns angesiedelt. Ein sehr großer Teil freiwillig, ein weiterer Teil gezwungenermaßen und wieder andere wurden zu Grenzlinie gebracht und geht: so hörte sich ein Befehl an? So passierte es, dass Zigeuner alle tschechischen Gebiete überschwemmten.

Die Atmosphäre in der Tschechslowakei nach dem Münchner Abkommen bekam mehr und mehr einen antidemokratischen Charakter. Die damalige Presse machte die Kriminalität von Roma Gruppen größer als sie tatsächlich war, vor allem die der nomadischen Roma. Ein weiterer Anreiz zur Verfolgung der Roma kam aus den Gemeinderäten. Es hoben sich Stimmen, die ähnliche Anti-Roma Gesetze einführen wollte, wie sie im Deutschen Reich herrschten, vor allem zur Errichtung von Arbeitslagern. Der Gemeinderat von Svatobořice beispielsweise schrieb in seiner Petition vom 5. Februar 1939 adressiert an den damaligen Regierungsvorsitz Beran folgendes: Und es sollte uns nicht verübelt werden, wenn wir den Stamm einer kleinen Nation säubern wollen von solchen Parasiten, wie es die Zigeuner sind.

Der Höhepunkt der Verfolgung von Roma in der 2. Republik war, als die Errichtung von disziplinaren Arbeitslagern eingerichtet wurde. In diese Lager wurden arbeitsfähige Männer über 18 Jahre gebracht, die nicht auf die richtige Art lebten. Der Gesetzesentwurf wurf zwar von der Regierung der 2. Republik genehmigt, die Realisierung ließ aber bis in die Zeit des Protektorats auf sich warten. Am 28. April 1939 wurde die Verordnung in einer geänderten Fassung von der Protektoratsregierung veröffentlicht. Die letzte Verordnung, die vor der Okkupation erlassen wurde, war ein Rundschreiben vom 13. März 1939, welches die derzeitige Praxis zusammenfasste und vor allem die Notwendigkeit betonte, „Zigeuner“ zu vertreiben, die keine Staatsbürgerschaft hatten, und ihre Reisefreiheit zu beschränken.

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