Sobibor

Das Vernichtungslager in Sobibor wurde Anfang März 1942 in der Nähe des gleichnamigen Ortes und Bahnhofs im östlichen Teil der Lubliner Woiwodschaft errichtet. Gemeinsam mit den Vernichtungslagern Treblinka und Bełżec war es Teil der Operation Reinhard. Unter der Leitung Obersturmführers Richard Thomallas wurde es von Ortsbewohnern und mehreren dutzend Juden aus nahegelegenen Ghettos erbaut. Im April 1942 wurde Franz Stangl zum Lagerkommandanten erklärt und erhielt die Aufgabe das Lager nach dem Vorbild Belzecs fertigzustellen.

Das Lager hatte keine große Fläche - 400 x 600 Meter. Das Gebiet war in drei Bereiche aufgeteilt. Es gab einen administrativen Teil (Lager I), einen Bahnsteig mit Platz für zwanzig Güterwägen und Unterbringungen für Deutsche und Ukrainer. Bei der Rezeption (Lager II) mussten sich die Deportierten ausziehen, ihre Haare abschneiden lassen und all ihre Wertgegenstände aufgeben. Im dritten Bereich (Lager III) fand die Vernichtung durch Gaskammern statt und es gab Massengräber sowie Unterbringungen für die jüdischen Häftlinge.

Eine Postkarte des slowakischen Häftlings Alice Elbertová aus Sobibor vom 18. Juni 1942. (Foto: Denise Elbert Kopecky, mit Genehmigung des USHMM.)

Das Lagerpersonal bestand aus 20 bis 30 Deutschen und zwischen 90 und 120 Ukrainern, die im Trawniki-Lager ausgebildet worden waren. Ungefähr 1 000 Häftlinge wurden aus den Transporten ausgewählt, um verschiedene Zwangsarbeiten im Lager zu erledigen. Einige von ihnen arbeiteten in Workshops oder als Diener für das höherrangige Personal, während andere die Waggons reinigen und neue Häftlinge ihrer Kleider entledigen mussten. Zwischen 200 und 300 Häftlinge waren damit beschäftigt die Leichen aus den Gaskammern zu holen und zu beerdigen. Es gab auch eine spezielle Gruppe, die Zahnzieher genannt wurden. Ihre Aufgabe bestand darin die Münder der Opfer auf Goldzähne zu untersuchen und zu ziehen. In den Arbeitsgruppen fand fast täglich eine Selektion statt und die Schwachen oder Kranken wurden in die Gaskammern geschickt. Sie wurden dann durch gesunde und starke Häftlinge vom nächsten Transport ersetzt.

Nachdem ein Transport im Lager angekommen war, wurde den Deportierten weisgemacht, dass sie sich in einem Durchgangslager befanden, wo sie desinfiziert werden müssten, bevor es weiter ins Arbeitslager ging. Sie mussten sich vollständig ausziehen und wurden dann in die Duschen getrieben. Für die Kranken und jene, die nicht mehr alleine gehen konnten, wurden die Gleise bis vor die Gaskammern hin verlängert. Im Zug befanden sich auch die Leichen derjenigen, die während des Transports verstorben waren, damit sie vor Ort beerdigt werden konnten. Im Winter befanden sich oft erfrorene Häftlinge in den Zügen.

Die Gaskammern waren in etwa 16 m2 groß und boten Platz für 160 bis 180 Leute. Sie wurden durch den Fronteingang betreten, es gab jedoch auch einen Hinterausgang, über den die Toten hinausgetragen wurden. Nach der Fertigstellung des Lagers und der Gaskammern wurden sie mit 250 Juden - größtenteils Frauen aus dem nahegelegenen Lager Krychów - getestet.

Nach drei Monaten, Ende Juli 1942, kam man zu dem Schluss, dass die Kapazität der Gaskammern - 600 Leute auf einmal - nicht ausreichte, und dass weitere Gebäude errichtet werden müssten. Bis September 1942, während drei neue Gaskammern zusätzlich zu den alten drei gebaut wurden, stellte man die Tätigkeit des Lagers ein. Die Kapazität somit auf 1 200 Morde zur selben Zeit erhöht.

Im August wurde der Lagerkommandant, Franz Stangl, nach Treblinka versetzt. Er wurde von SS-Obersturmführer Franz Reichleitner, einem Kollegen aus dem Euthanasie-Programm, ersetzt.

Als Heinrich Himmler am 12. Februar 1943 das Lager besuchte, sah er mit eigenen Augen, wie ein Mädchentransport aus dem Arbeitslager Majdanek den ganzen Mordprozess durchlief.

Anfang Juli beschloss Himmler Sobibor von einem Vernichtungslager in ein Konzentrationslager mit Munitionsfabrik umzuwandeln. Einige Häftlinge wurden erschossen. Andere wurden durch die Nachricht zur Flucht motiviert.

Der Bahnhof bei Sobibor, 2002. (Foto: M. Stránský)

Seit der Lagereröffnung hatte es viele Fluchtversuche gegeben, aber nur wenige davon waren erfolgreich. Sobibor wurde viel besser als zum Beispiel Treblinka bewacht. Im Sommer 1943 wurden Minen um das Lager herum verlegt, nicht nur zur Fluchtverhinderung, sondern auch zum Schutz vor russischen Partisanen. Auf jeden Fluchtversuch, egal ob erfolgreich oder nicht, folgte als Strafe oder Warnung eine Massenerschießung.

Mitte August 1943 wurde eine Untergrundorganisation unter der Führung des Judenältesten der galizischen Stadt Zolkiev, Leon Feldhendler, gegründet. Die Gruppe, deren Mitglieder zumeist Workshop-Leiter waren, plante eine Massenflucht aus dem Lager. Später wurde ein russischer Jude, Offizier Alexandr Pechersky zum Kommandant ernannt. Man entwarf mehrere Pläne. Das Ziel des endgültigen Plans war es die deutsche Belegschaft zu töten, Waffen zu erobern und aus dem Lager zu fliehen (es gibt allerdings mehrere Versionen des Verlaufs). Zwei ukrainische Kapos traten den Rebellen bei. Der Aufstand began am 14. Oktober 1943 gegen vier Uhr nachmittags. Infolge dessen wurden 12 Deutsche, darunter Lagerkommandant Franz Reichleitner, und mehrere Ukrainer getötet. Dreihundert Häftlinge entkamen, aber die meisten wurden auf der Flucht erschossen oder überlebten das Minenfeld nicht. Diejenigen, die nicht flohen oder fliehen konnten, wurden auch erschossen. Viele Flüchtlinge wurden später von ukrainischen Suchtruppen gefasst und erschossen. Ungefähr 50 Häftlinge überlebten den Krieg. Viele von ihnen traten den russischen Partisanen in der Gegend bei.

Wachturm in Sobibor, die einzigen Überreste des Vernichtungslagers, 2002. (Foto: M. Stránský)

Nach dem Aufstand beschlossen die Deutschen das Lager zu schließen und einen Bauernhof auf dem Gebiet zu errichten, wie sie es auch in Treblinka und Belzec getan hatten. Im Sommer 1944 wurde das Lager von der Roten Armee und Divisionen der polnischen Volksarmee befreit.

Nicht nur aus dem Generalgouvernement wurden Juden nach Sobibor deportiert, sondern auch aus der Slowakei, dem Protektorat Böhmen und Mähren, Deutschland, den Niederlanden und Frankreich. Die letzten Transporte nach Sobibor kamen aus den Ghettos in Vilnius, Minsk und Lida. Insgesamt wurden ca. 250 000 Menschen in Sobibor ermordet

Nach dem Krieg wurde gegen elf der SS-Offiziere, die im Lager gearbeitet hatten, Anklage erhoben und vom 6. September 1965 bis zum 20. Dezember 1966 standen sie in Den Haag vor Gericht. Franz Stangl wurde 1970 von einem Gericht in Düsseldorf zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Denkmal in Sobibor, 2002. (Foto: M. Stránský)

Heute gibt es ein kleines Museum und ein Denkmal am ehemaligen Lagergelände.

  • Literatur:

  • Arad, Yitzhak. Belzec, Sobibor, Treblinka. Bloomington: Indiana University Press, 1987, s. 437.

  • Kraus, Ota; Kulka, Erich. Noc a mlha (Nacht und Nebel). Praha: Naše vojsko, 1966, s. 431.

  • Mildt, Dick de. In the Name of the People: Perpetrators of Genocide in the Reflection of Their Post-War Prosecution in West Germany: The "Euthanasia" and "Aktion Reinhard" Trial Cases (Im Namen des Volkes: Die Übeltäter des Genozids in Anbetracht ihrer Nachkriegsverfolgu. Hague, London, Boston: Martinus Nijhoff Publishers, 1996, s. 442.

  • Die nazistischen Konzentrationslager: Aufbau und Ziele: Das Bild des Häftlings: Die Juden in den Lagern. Jerusalem: Yad Vashem, 1984.

  • Formánek, Jaroslav. Co zabil Jehuda Lerner (Was Jehuda Lerner umbrachte). Respekt, 2001.

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