Massentransporte zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern

Ende 1941 und Anfang 1942 war Nazi-Deutschland am Gipfel seiner Macht. Der Großteil Europas stand unter seiner Kontrolle und Hitler und die Nazi-Führung hofften noch immer auf einen raschen Triumph über die Sowjetunion. Zu diesem Zeitpunkt traten die Nazis in die Endphase der europaweiten Endlösung ein. Am 31. Juli 1941, unmittelbar nachdem die Offensive gegen die Sowjetunion begonnen hatte, erhielt Heydrich eine von Göring unterzeichnete Genehmigung zur Vorbereitung einer Gesamtlösung der jüdischen Frage. Seine Absicht die ca. 11 Millionen Juden, die sich in Nazi-Deutschlands Machtsphäre befanden, zu eliminieren, bekundete Heydrich bei einer Konferenz hochrangiger Nazibeamter in Wannsee im Jänner 1942. Die Wannsee-Konferenz war jedoch nicht, wie oft behauptet wird, der Ort, an dem die Entscheidung zur Ermordung der europäischen Juden gefällt wurde. Dies geschah bereits in den eroberten Gebieten. Auf der Konferenz sollte ein Übereinkommen zur Koordination mehrerer Nazi-Ministerien und - beamten erlangt werden.

Von Kriegsbeginn an gab es immer wieder Bemühungen Juden aus dem Reich gen Osten zu deportieren. Die im Oktober 1939 von Adolf Eichmann organisierten Deportationen nach Nisko kamen bald zu einem Ende. Im Februar 1940 wurden eintausend Juden aus Szcezecin und Umgebung mitten in der Nacht aus ihren Wohnungen entführt und in drei Dörfer in der Nähe von Lublin deportiert. Ihre Begründung war, dass man deren Wohnungen aus kriegswirtschaftlichen Gründen dringend benötigte. Im Oktober 1940 wurden 6 500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Südfrankreich deportiert, wo sie vom Vichy-Regime interniert wurden.

Die Deportation von Juden aus Würzburg, 25. April 1942. (Foto: Nationalarchive, mit Genehmigung des USHMM Photo Archives.)

Im Herbst 1941 begann ein systematisches Programm zur Deportation von Juden aus Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten zu Vernichtungslagern im Osten. Zur selben Zeit wurde jüdische Auswanderung verboten. Die Deportation der Juden, welche die Nazis zynischerweise als Evakuierung bezeichneten, wurde durch die Tatsachen, dass die Juden nun meist an gewissen Orten konzentriert lebten und ihnen die Lebensgrundlage entzogen worden war, erleichtert.

Juden mussten sich an Versammlungsorten einfinden, um in den Osten evakuiert zu werden. Oft verbrachten sie mehrere Tage in diesen Sammlungslagern. Während dieser Zeit wurde ihnen nicht nur ihr verbliebenes Eigentum entzogen, sondern auch der Rest ihrer bürgerlichen Identität. Jedem wurde eine Evakuierungsnummer - eine Nummer für die Todestransporte - zugewiesen. Vor der Deportation mussten sie ihre Wohnungsschlüssel abgeben und alle noch ausständigen Rechnungen für Wasser, Elektrizität und Gas begleichen. Ihre Deportation bedeutete also, dass ihr gesamtes verbliebenes Vermögen an das Reich fällt. Dieser Eigentumsdiebstahl wurde durch die elfte Durchführungsverordnung der Nürnberger Gesetze (Text auf Tschechisch), veröffentlicht am 25. November 1941, legalisiert. Unter anderem besagte sie, dass Juden die ins Ausland gingen ihre deutsche Staatsbürgerschaft verlieren und all ihr Vermögen an das Reich fällt.

Die Deportation in den Osten wurde zynischerweise als Wohnsitztransfer über die Grenzen des Reiches hinaus beschrieben. Den deportierten Juden war es erlaubt Gepäck mit bis zu 50 kg mitzunehmen. Weiters mussten sie oft die Kosten für die Zugfahrt selbst übernehmen, um den Schein des Transfers zu wahren.

Die Transporte wurden von der Abteilung IV B 4 des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), unter der Leitung von Adolf Eichmann, organisiert. Dort wurde in den Jahren 1942 und 1943 die Zeit, Destination und Anzahl der Transportopfer aus ganz Europa bestimmt. Eichmanns Amt koordinierte die Transporte mit anderen Behörden, vor allem mit den Eisenbahnbehörden der betroffenen Länder. Mit dem gesamten Deportationsprozess, der unter anderem aus Selektion, Enteignung und Vorbereitung der Transportdokumente bestand, war ein gewaltiger Beamtenapparat beschäftigt. Die Nazis zwangen die jüdischen Gemeinden dazu an der Organisation und Zusammenstellung der Transporte mitzuwirken.

Ab Oktober/November 1941 wurden Juden zumeist in Gruppen von ca. 1 000 aus deutschen und österreichischen Städten und dem Protektorat in die Lager im Osten deportiert, vor allem Riga, Minsk und in die Lubliner Gegend. Einige verhungerten oder erfroren, andere wurden an Ort und Stelle hingerichtet, andere wurden später zu den Vernichtungslagern in Belzec, Sobibor, Chelmno, Majdanek und Treblinka geschickt. Zwischen dem 8. November 1941 und dem 25. Jänner 1942 wurden so ca. 50 000 Männer, Frauen und Kinder aus dem Reich und dem besetzten Österreich deportiert. Ab dem 6. März 1942 folgte eine weitere Welle mit ca. 55 000 Juden. Von 1942 bis 1945 gingen die meisten Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz.

Im November 1941 fand der erste Transport von Prag nach Theresienstadt (Terezín), das als Konzentrations- und Durchgangslager für die Juden aus dem Protektorat diente, statt. Auf der Wannseekonferenz wurde noch eine weiter Funktion Theresienstadts erwähnt: es sollte als Ghetto für alte deutsche und österreichische Juden, Prominente und hoch dekorierte Veteranen des Ersten Weltkrieges dienen. Am 2. Juni 1942 verließ ein Transport Berlin in Richtung Theresienstadt und bald darauf folgten Transporte aus dem gesamten Reich. Am 21. Juni kam der erste Transport aus Wien an. Zu Kriegsende waren 42 000 Juden aus Deutschland und mehr als 16 000 aus Österreich nach Theresienstadt deportiert worden. Theresienstadt sollte jedoch nur die schreckliche Wahrheit verbergen. Im Jänner 1942 brach der erste Transport Richtung Osten auf und bis Ende 1944 wurden ca. 87 000 Gefangene zu Ghettos und Vernichtungslagern im Osten geschickt. Nur ein kleiner Bruchteil von ihnen überlebte.

Ab 1942 bis zum Kriegsende fanden Transporte aus von den Nazis kontrollierten Ländern statt. Zwischen März und August 1942 wurden beinahe 58 000 slowakische Juden mit Zustimmung der slowakischen Regierung in Vernichtungslager, vor allem Auschwitz, deportiert. Im Juli 1942 begann man mit Massentransporten von Juden aus Nordfrankreich, Belgien und den Niederlanden. Im August 1942 folgten ihnen 5 500 kroatische und im November 500 norwegische Juden.

Die meisten Länder, die sich in der Machtsphäre der Nazis befanden, aber nicht von deutschen Truppen besetzt waren, übergaben ihnen ausländische Juden. Gleichzeitig erlaubten sie die Deportation ihrer eigenen Juden in Vernichtungslager nicht, obwohl man sie antijüdischer Gesetzgebung aussetzte und sie an den Rand der Gesellschaft drängte (mit Ausnahme der Slowakei, s.o.). Im Jahre 1943 verhandelten die deutschen Behörden die Deportation von 11 000 Juden aus Bulgarien, Makedonien und Thrakien. Diese Gebiete waren neu an Bulgarien angegliedert worden und die dortigen Juden hatten noch keine bulgarische Staatsbürgerschaft. Jene Juden wurden in Treblinka ermordet. Den restlichen bulgarischen Juden blieb die Deportation aufgrund der Opposition und der schwindenden Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland den Krieg gewinnen würde, erspart.

Nach der Niederlage bei Stalingrad wurde es für das Deutsche Außenamt und das Eichmannreferat immer schwieriger, Zustimmung zur Deportation von Juden anderer Länder zu gewinnen. Obwohl die rumänischen Behörden mit der Einsatzgruppe D bei der Vernichtung und Deportation ausländischer Juden aus Bukovina und Transnistrien halfen, erlaubte die rumänische Regierung es nicht, Juden aus Rumänien zu deportieren. Im Jahre 1943 deportierte Deutschland 46 000 Juden aus dem von der Wehrmacht besetzten Nordgriechenland. Als die Deutschen 1943 mehrere Razzien auf Juden im besetzten Dänemark durchführten, gelang den meisten die Flucht nach Schweden. Nur eine kleine Zahl an, meist älteren, dänischen Juden wurde nach Theresienstadt deportiert. Zur selben Zeit begannen die Transporte aus Italien, das von der Deutschen Armee besetzt wurde, nachdem es zu den Alliierten übergelaufen war.

Selbst 1944, als schon klar war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, wurden die Massendeportationen von Juden aus Westeuropa und Norditalien in die Vernichtungslager fortgesetzt. Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz und ins letzte verbleibende große polnische Ghetto, Lodz, fanden weiterhin statt. Deportationen aus der im Sommer 1944 von der Wehrmacht besetzten Slowakei wurden wieder aufgenommen. Die größte Anzahl von Transporten kam gegen Kriegsende aus Ungarn, das im März 1944 von den Deutschen besetzt worden war. Innerhalb weniger Monate gelang es Eichmann und seinen Kollegen 437 000 ungarische Juden nach Auschwitz zu schicken.

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Adolf Eichmann, Hitler, Heydrich

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