Die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung

Durch die Okkupation des westlichen Teils Polens fielen den Nazis zwei Millionen Juden in die Hände - vier Mal so viele wie 1933 in Deutschland gelebt hatten. Aufgrund ihrer großen Anzahl und der strikten Auswanderungsbedingungen konnten diese Juden nicht zur Emigration gezwungen werden. Die Nazis waren jedoch noch nicht bereit zum eigentlichen Ziel der Endlösung der jüdischen Frage - der Liquidation aller Juden - voranzuschreiten. Als temporäre Lösung entschied man sich dazu die jüdische Bevölkerung in Ghettos zu konzentrieren. Juden sollten in Städten mit guter Zuganbindung konzentriert werden, damit sie später leicht weiter deportiert werden konnten. Die Nazis führten bewusst das mittelalterliche Ghetto - ein abgeriegeltes Viertel der Stadt, in dem die Juden lebten - wieder ein. Im Gegensatz zu jenen des Mittelalters sollten diese Ghettos jedoch nur vorübergehend sein, eine Station auf dem Weg zur Vernichtung. Der Unterschied zwischen Konzentrationslagern und Ghettos ist, dass letztere eine autonome jüdische Selbstverwaltung hatten. Auf Anordnung der Nazis mussten in allen Ghettos Judenräte, unter der Leitung eines Judenältesten, eingerichtet werden. In Wirklichkeit dienten diese Selbstverwaltungen jedoch nur als Werkzeug für die Nazis. Die Personen, die in den Judenräten saßen, befanden sich in einer schwierigen Position. Auf der einen Seite versuchten sie das Leben im Ghetto etwas erträglicher zu machen, indem sie Essenslieferungen, medizinische Versorgung und Unterricht für die Kinder organisierten, auf der anderen Seite mussten sie die Befehle der Nazis umsetzen und die Listen für die Transporte in die Vernichtungslager erstellen.

Bevor die Juden in den Ghettos gesammelt wurden, beschlagnahmte man den Großteil ihres Eigentums, konfiszierte ihre Wohnungen und entzog ihnen ihre Lebensgrundlage. Durch ihre Konzentration in Ghettos wurden all ihre Beziehungen zur Außenwelt abgetrennt. Die größten Ghettos entstanden in Städten mit einer großen jüdischen Bevölkerung: Warschau, Lodz und Lemberg. Sie waren komplett überfüllt und die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Die Bewohner hatten zu wenig Essen und Medizin. Trotz aller Bemühungen konnten die Judenräte diese Probleme nicht lösen. Aus diesem Grund starben viele alte Leute und Kinder schon in den Ghettos. Die Nazis setzten die Ghettobewohner auch zur Zwangsarbeit, vor allem in der Rüstungswirtschaft, ein. Somit förderten sie die Illusion der Judenräte, dass das Ghetto bestehen bleiben würde, solange man für die Nazis produktiv und nützlich war.

Ein Bewohner eines unidentifizierten polnischen Ghettos, ca. 1940. (Foto: Harry Lore, mit Genehmigung des USHMM Photo Archives.)

Die Juden, die in den polnischen Gebieten lebten, die an das Deutsche Reich annektiert worden waren, (Warthegau, Posen, Ostschlesien und Ost- und Westpreußen) sollten bald vollständig vertrieben werden. Alleine in den ersten Monaten der Besetzung sank die Zahl der Juden von 600 000 auf ungefähr die Hälfte. Annähernd 100 000 wurden in organisierten Transporten ins Generalgouvernement gebracht, während der Großteil willkürlich ausgewiesen wurde oder flüchtete. Zeitgleich wurden 300 000 Polen deportiert. Die Mehrheit der verbliebenen Juden wurde im Lodzer Ghetto konzentriert.

In den westlichen Ländern, die sich unter der Kontrolle der Nazis befanden – Deutschland, Österreich, das Protektorat, ab 1940 auch Nordfrankreich, die Niederlande und Belgien - war es noch nicht möglich die jüdische Bevölkerung in Ghettos wie in Polen zu konzentrieren. Stattdessen belastete man sie mit einer Welle an diskriminierenden Einschränkungen und Erlässen, die darauf abzielten sie vom Rest der Gesellschaft zu isolieren und soziale Barrieren zu kreieren. Sie lebten sozusagen in einem Ghetto ohne Mauern. Ab 1938 beschleunigte sich dieser Isolierungsprozess und gipfelte symbolisch in der Einführung des verpflichtenden Tragens des Davidssterns ab Herbst 1941.

Mittlerweile wurden Juden quasi aus dem Geschäftsleben ausgeschlossen, ihr Eigentum war arisiert und jede Möglichkeit sich einen Lebensunterhalt zu verdienen, entzogen worden. Die meisten von ihnen waren deshalb auf die Hilfe jüdischer Organisationen angewiesen. Sehr viele von ihnen mussten in ihren Wohnorten Zwangsarbeit leisten. Einige zionistische Trainingslager wurden auf Befehl der Nazis in Arbeitslager umgewandelt. Die Häftlinge waren meistens junge Männer.

Auch die erzwungene räumliche Trennung der Juden nahm ihren Lauf. In vielen Städten war es Juden nur erlaubt in gewissen Gegenden zu wohnen. Juden mussten immer häufiger umziehen und oft teilten sich mehrere Familien eine Wohnung. Immer mehr öffentliche Plätze, wie Parks und Badehäuser, wurden für sie unzugänglich. Mit einigen Ausnahmen war es ihnen verboten die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Sie durften die Gemeinden, in denen sie registriert waren, nur mit Sondergenehmigung verlassen. Es war ihnen nicht erlaubt nichtjüdische Zeitungen zu kaufen oder abonnieren und sie mussten ihre Radios abgeben: ihnen wurde also jede Möglichkeit entzogen sich über das aktuelle Geschehen zu informieren und darauf zu reagieren. Aufgrund dieser und vieler mehr Einschränkungen befand sich die jüdische Bevölkerung in einer immer aussichtsloser werdenden Situation. Schon lange bevor die Massentransporte anfingen, waren Juden also de facto vom Rest der Gesellschaft isoliert.

Die jüdischen Glaubensgemeinschaften wurden von den Nazis als Werkzeug für judenfeindliche Vorgehensweisen missbraucht. Ihre Anführer, die nicht gewählt, sondern von den Nazis ernannt wurden, bemühten sich darum, dass man sich zumindest um die alten Leute, Kinder und andere Mitglieder mit Problemen kümmerte, und dass Auswanderung, die immer schwieriger wurde, unterstützt wird. Um all das sicherzustellen, mussten sich die jüdischen Gemeinden den Nazis unterwerfen und ihre Befehle umsetzen. Dadurch ähnelten die jüdischen Gemeinden immer mehr den Judenräten in den polnischen Ghettos.

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