Judenfeindliche Politik nach der Erschaffung des Protektorats Böhmen und Mähren

In der Nacht auf den 14. March 1939 überquerten Nazi-deutsche Truppen die böhmische Grenze. Von Berlin unter Druck gesetzt stimmte der tschechoslowakische Präsident Emil Hácha der Okkupation der tschechischen Gebiete zu. Am 16. März wurde das Protektorat Böhmen und Mähren von Adolf Hitler in Prag ausgerufen. Die tschechischen Ländern standen nun unter deutscher Herrschaft und den Tschechen wurde nur eine beschränkte Autonomie gewährt. Das Protektorat stand unter der Leitung des Reichsprotektors Konstantin von Neurath.

Zur Zeit der Etablierung des Protektorats Böhmen und Mähren lebten laut offiziellen Statistiken 118 310 Juden auf dessen Gebiet. Davon bekannten sich 103 969 zum jüdischen Glauben. Der Rest gehörte einem anderen oder gar keiner Glaubensrichtung an.

Die Nazis wandten im Protektorat dieselben Methoden zur Verfolgung und Zerstreuung der jüdischen Bevölkerung an, die sie bereits in Deutschland, sowie im annektierten Österreich getestet hatten. Die Protektoratsregierung wollte auch Einfluss auf die antijüdische Politik nehmen und vor allem jüdisches Eigentum in tschechische Hände übertragen. Auf diese Wiese wollte man vor allem die gefürchtete Germanisierung verhindern. Aus diesem Grund dauerte es nach der Erschaffung des Protektorats nicht lange, bis die Rechte und Freiheiten der jüdischen Bevölkerung eingeschränkt wurden. Ab dem Zeitpunkt der Okkupation führte der Antisemitismus der Zweiten Republik rasch zu gezielter judenfeindlicher Politik.

Am Anfang der Okkupation versuchten rechtsradikale Organisationen wie die faschistische Vlajka (Flagge) Bewegung die neue Situation im Glauben auszunützen, dass ihnen bei judenfeindlichen Gewaltaktionen freie Hand gelassen werden würde. Angriffe auf jüdische Gebäude (Synagogen) sowie als auch auf Einzelpersonen nahmen stark zu. Im Frühling des Jahres 1939 zum Beispiel brannten Faschisten die Synagoge in Jihlava nieder, beschädigten die Synagoge in Dobříš und veranstalteten ein judenfeindliches Pogrom in Příbram. Im August 1939 wurde von ernst zu nehmenden judenfeindlichen Aufruhren in Brünn berichtet, bei denen mehrere Juden brutal attackiert und zusammengeschlagen wurden. Andererseits sollte jedoch auch erwähnt werden, dass tschechische Sicherheitsdienste in der Regel gegen antisemitische Randalierer einschritten und die Handlungen der tschechischen Faschisten keinen großen Anhang fanden.

Die Synagoge in Třeboň, mit einer Swastika und einer Karikatur eines erhängten Juden verunstaltet. (Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag.)

Bei der ersten Sitzung der Protektoratsregierung wurde beschlossen, dass jüdische Ärzte nicht mehr in öffentlichen Einrichtungen tätig sein dürfen. Desweiteren wurde der Ausschluss jüdischer Anwaltspraxen, umgesetzt durch die Rechtsanwaltskammer, angemerkt. Juden sollten aus allen Führungspositionen in Industriebetrieben und anderen Organisationen entfernt werden. Die Regierung stimmte der Kennzeichnung arischer Geschäfte zu. Weiter Maßnahmen der Protektoratsregierung zielten darauf ab den freien Handel mit jüdischem Eigentum zu verhindern und sicher zu stellen, dass es unter tschechische Verwaltung geriet. Dem wurde vom Reichsprotektor Konstantin von Neurath jedoch nicht zugestimmt, da die Behörden und deutsche Industriekreise nicht wollten, dass arisiertes jüdisches Eigentum in tschechische Hände gelangt.

Stattdessen erließ der Reichsprotektor am 21. Juni 1939 sein eigenes Dekret bezüglich jüdischen Eigentums, in dem zum ersten Mal die Kriterien der Nürnberger Rassegesetze zur Feststellung des Judenseins Verwendung fanden. Der Reichsprotektor nahm judenfeindliche Gesetzgebung also selbst in die Hand. Der Erlass verbot Juden und jüdischen Betrieben den freien Handel mit deren eigenem Eigentum und der Reichsprotektor führte erzwungene Verwaltung in jüdischen Betrieben ein. Die sehr vage Definition jüdischen Eigentums und jüdischer Betriebe ermöglichte es den Okkupationsbehörden einen großen Teil der tschechischen Betriebe zu arisieren und germanisieren.

Anfangs unterstützten die Nazi-Behörden jüdische Auswanderung und versuchten so viele Juden wie möglich zur Flucht ins Ausland zu zwingen. Emigranten mussten für ihre Reise in die Freiheit hohe Gebühren bezahlen und all ihr Eigentum im Reich zurücklassen. Im Juli 1939 wurde die Zentralstelle für jüdische Auswanderung eingerichtet, basierend auf dem Wiener Modell von Adolf Eichmann. Von diesem Zeitpunkt an war dies die einzig legale Form der Auswanderung. Im Zuge eines komplizierten und erniedrigenden Prozederes erledigte die Zentralstelle alle notwendigen Formalitäten für die Auswanderung, kümmerte sich um die Beschlagnahmung des Eigentums und überwachte die jüdische Glaubensgemeinschaft.

Dennoch wurde Auswanderung zunehmend schwieriger. Die Anzahl der Länder, die gewillt waren jüdische Emigranten aufzunehmen, wurde immer geringer. Die westlichen Länder, die von Flüchtlingen aus Deutschland und den besetzten Ländern überrannt wurden, legten sehr niedrige Jahreslimits fest. Das gleiche galt für Palästina, wohin vor allem Zionisten auswandern wollten. Nach Kriegsbeginn sank die Zahl der aufnahmewilligen Länder noch starker. Am Schluss bestand nur noch die Möglichkeit zur Auswanderung nach Südamerika oder Shanghai. Die Anzahl der Emigranten ging auch zurück. Während im Jahre 1939 noch 19 016 und 1940 weitere 6 176 Juden legal aus dem Protektorat auswanderten, waren es 1941 nur mehr 535 und in den folgenden zwei Jahren gerade einmal 93. Insgesamt emigrierten also 26 093 Juden legal aus dem Protektorat. Hinzu kommen jene, die illegal aus dem Protektorat ausgewandert sind, insbesondere nach Polen und nachdem auch Polen okkupiert war, in die Slowakei. Es wird geschätzt, dass insgesamt an die 30 000 Juden aus dem Protektorat flohen. Einige von ihnen nahmen später an Widerstandsbewegungen im Ausland teil. Andere wurden in anderen von Deutschland besetzten Gebieten doch noch von der Endlösung erfasst. Alleine in den Transporten von Frankreich nach Auschwitz wurden mehr als 600 tschechoslowakische Staatsbürger in den Tod geschickt.

  • Literatur

  • Pasák, Tomáš. Český fašismus 1922-1945 a kolaborace 1939-1945 (Tschechischer Faschismus 1922-1945 und Kollaboration 1939-1945). Praha: Práh, 1999, s. 486.

  • Milotová, Jaroslava. Ústředna pro židovské vystěhovalectví v Praze. Geneze a činnost do počátku roku 1940 (Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag: seine Entstehung und Tätigkeit bis Anfang 1940). 1997, in: Terezínské studie a dokumenty.

  • Černý, Bohumil. Emigrace Židů z Českých zemí v letech 1938 - 1941 (Jüdische Auswanderung aus den tschechischen Gebieten von 1938-1941). 1997, in: Terezínské studie a dokumenty, s. 181 -189.

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