Propagandistische Funktion von Theresienstadt

Durch die Misserfolge Hitlerdeutschlands auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges wurde das Selbstvertrauen der Nazis erschüttert. Die Niederlage in Stalingrad, die erfolgreiche Landung der Alliierten in Nordafrika und weitere Misserfolge der Wehrmacht beeinflussten auch das weitere Vorgehen bei der Verwirklichung der Endlösung der Judenfrage. Dies spiegelte sich auch in der zeitweiligen Unterbrechung der Transporte der Theresienstädter Häftlinge nach Osten wider. Den entsprechenden Befehl gab Himmler selbst mit dem Hinweis, dass der Eindruck nicht gestört werden soll, Theresienstadt sei ein Ort, wo die Juden in Ruhe leben und sterben könnten.

Die Pause in den Transporten dauerte sieben Monate und rief unter den Häftlingen die Hoffnung hervor, dass sie nun ganz aufhören. Dies entsprach jedoch nicht den Vorstellungen der SS. Es handelte sich nur um eine von der neuen Situation erzwungene Maßnahme. Zugleich wurden jedoch weitere Vorkehrungen getroffen, die die propagandistische Nutzung des Ghettos Theresienstadt ermöglichen sollten, jedoch auch seine Isolation von der umliegenden Welt sichern sollten. Schon im Herbst 1942 wurden so z. B. Geschäfte eingerichtet, in denen manchmal gegen Gutscheine einige Waren, die den Häftlingen bei der Ankunft im Lager beschlagnahmt worden waren, zu bekommen waren. Später wurde sogar ein Kaffeehaus errichtet, wo die Häftlinge, die Eintrittskarten erwarben, anderthalb Stunden Musik hören und einen Ersatzkaffee trinken konnten. Im Frühling 1943 wurde die Verschönerung der Stadt aufgenommen, die sie für die Präsentation den Besuchen aus dem Ausland vorbereiten sollte. Im Mai 1943 nahm die Bank der jüdischen Selbstverwaltung ihre Arbeit auf, die praktisch wertloses Geld ausgab. Etwas später bekamen die Strassen anstelle der frühren Nummerbezeichnungen Namen. Die bisherige Strasse L 1 wurde z. B. umbenannt in Jezerní Straße (See-Strasse), obwohl sich in der Umgebung der Stadt kein See befand.

Am 28. Juni 1943 besuchte Theresienstadt eine Delegation, in der neben Vertretern einiger Behörden auch Repräsentanten des Deutschen Roten Kreuzes waren. Adolf Eichmann, der die Delegation begleitete, erklärte danach, dass es erst nach einer längeren gründlichen Vorbereitung möglich sein wird, Theresienstadt auch ausländischen Besuchern zu zeigen.

Neben der Verschönerung der Stadt wurde auch ihre Isolation von der umliegenden Welt vervollkommnet. Die Häftlinge mussten eine Straßenumfahrung und vor allem ein Anschlussgleis erbauen, auf dem seit dem 1. Juni 1943 die Transporte mit Häftlingen direkt in die Stadt fuhren.

Seit September desselben Jahres begannen die Transporte aus Theresienstadt auf diesem Gleis auch abzufahren. Nach der zeitweiligen Unterbrechung der Transporte nach Osten erhöhte sich die Zahl der Häftlinge im Ghetto und im August überstieg sie 45 000. Darüber hinaus wurde die Unterkunftskapazität des Lagers in bedeutendem Masse beschränkt, nachdem die Sudetenkaserne und weitere große Objekte für den Bedarf eines Teiles des Archivs des Reichsicherheitshauptamtes (RSHA) schnellstens geräumt wurden, das aus dem bombardierten Berlin hierher verschoben wurde. Für die SS waren die jüdischen Häftlinge lebende Schilde, die die wichtigen Karteien und Dokumentate vor den Bomben der Alliierten schützen sollten. Dennoch wurden am 6. September 1943 wurden die Transporte nach Osten wieder aufgenommen.

Leo Haas: Räumung der Sudentenkaserne

An einem einzigen Tag fuhren damals etwa 5000 Häftlinge aus Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau ab. Diese Häftlinge, ähnlich wie diejenigen in folgenden Transporten, wurden dort im Abschnitt B II b platziert, wo das sog. Familienlager der Theresienstädter Häftlinge entstand. Bei ihrer Ankunft wurde im Unterschied zu üblichen Transporten keine Selektion durchgeführt, die zur Auswahl der für die unmittelbare Ermordung in Gaskammern bestimmten Häftlinge diente, und die Familien durften eine gewisse Zeit im gleichen Lager bleiben, obwohl ihre Mitglieder getrennt untergebracht wurden. Es ist zu vermuten, dass dieses Lager auch für die Vorführung einem ausländischen Besuch vorbereitet wurde, ähnlich wie Theresienstadt selbst.

Die Nachrichten über die Massendeportationen der Juden sowie die ersten Nachrichten über deren Vernichtung riefen die Aufmerksamkeit und die Empörung der Weltöffentlichkeit hervor. Am 18. Dezember 1942 gaben zwölf Alliiertenregierungen, unter denen auch die tschechoslowakische Exilregierung, eine Deklaration heraus, die die planmäßige Liquidierung der europäischen Juden kritisierte und betonte, dass die für dieses monströse Verbrechen verantwortlichen Personen ihrer Bestrafung nicht entgehen würden. Es mehrten sich auch Anträge, dass die internationalen Organisationen, vor allem das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, die Zielorte der Deportationstransporte besuchen dürften. Deswegen wurde entschieden, Theresienstadt zur Irreführung der Weltöffentlichkeit zu nutzen, und es wurde seine schon erwähnte Verschönerung durchgeführt, die in der ersten Hälfte des Jahres 1944 gipfelte. Die Folgen dieses Bemühens kamen in vielerlei Hinsicht zum Ausdruck. Aus den bisherigen Tagesbefehlen wurden die Mitteilungen der jüdischen Selbstverwaltung, deren Kopf mit einer idyllischen Zeichnung von Theresienstadt verschönert wurde. Auch die Lagerkommandantur wurde zur SS- Dienststelle umbenannt.

Mitteilung der jüdischen Selbstverwaltung Nr. 16

Große Aufmerksamkeit wurde der Verbesserung des äußerlichen Aussehens der Häuser in der Stadt und den Grünanlagen gewidmet. Auf dem Stadtplatz wurden Blumenbeete bepflanzt und ein Musikpavillon erbaut, in dem eine Kapelle Promenadenkonzerte spielte. Unweit entstand sogar ein Kinderpavillon mit vollkommener Innerausstattung und einem Spielplatz. Aus der ehemaligen Sokol-Turnhalle wurde das Gemeinschaftshaus mit Sälen für Kulturveranstaltungen, mit einem Bethaus, einer Bibliothek und einem Restaurant auf der Terrasse.

Das Plakat forderte auf, die Kleidung abzustauben, Schuhe zu putzen und Strümpfe zu stopfen. Die Häftlinge nahmen dies als bittere Ironie wahr.

Plakat von der Verschönerungsaktion

Die Verschönerung von Theresienstadt verlangte allerdings auch die Senkung des Häftlingsstandes. Vor allem kranke Häftlinge sowie diejenigen, die wegen ihrem Aussehen nicht tauglich waren, einer ausländischen Delegation vorgeführt zu werden, wurden nach Auschwitz II-Birkenau deportiert. Im Dezember 1943 wurden deswegen 5 000 Menschen, im Mai 1944 dann weitere 7 500 Menschen deportiert. In das Familienlager der Theresienstädter Häftlinge in Auschwitz wurden insgesamt etwa 17 500 Personen deportiert. Nur 1 168 von ihnen erlebten die Befreiung.

In Theresienstadt gingen inzwischen die Vorbereitungen für die Ankunft einer ausländischen Delegation in die Endphase. Unter Aufsicht hoher Offiziere der SS aus Berlin und Prag wurde die Strecke ihres Rundganges durch Theresienstadt bis ins kleinste Detail geplant, die Tätigkeiten, die die Häftlinge während des Besuches durchführen sollten, aber auch Antworten, die sie auf eventuelle Fragen der Delegationsmitglieder zu geben hatten, geübt. Es handelte sich kurzum um ein sorgfältig inszeniertes Theater, an dem als unfreiwillige Schauspieler und unter Todesdrohung, auch die Häftlinge selbst teilnehmen mussten.

Der lange vorbereitete Besuch fand am 23. Juni 1944 statt. Es nahmen an ihm der schweizerische Arzt Dr. Maurice Rossel, Stellvertreter des Leiters der Mission des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Berlin, der Vertreter des dänischen Außenministeriums Frants Hvass und eim Inspektor der dänischen Gesundheitspflege Eigil Juel Henningsen teil. Die Delegation wurde von hohen Offizieren der SS sowie von Vertretern des deutschen Auswärtigen Amtes und des Deutschen Roten Kreuzes begleitet.

Die Delegation wurde zuerst in der SS-Kommandantur empfangen, von wo sie in den Sitz der jüdischen Selbstverwaltung fuhr, wo sie mit ihren Repräsentanten sprach. Dann machte sie einen Rundgang durch die Stadt, bei dem ihre Teilnehmer einige der Häftlinge ansprachen, die dann gemäß dem geübten Szenario antworteten. Der Verlauf des Besuches war deswegen vom Gesichtspunkt der SS sehr befriedigend. Der Bericht, den M. Rossel über seinen Verlauf und die gewonnenen Erkenntnisse ausarbeitete, entsprach nämlich ganz ihren Vorstellungen. Rossel glaubte dem Betrug der SS und bezeichnete Theresienstadt sogar als Endlager, von wo Juden nicht weiter deportiert werden. Die Wahrheit war jedoch eine Andere: bis dahin waren schon Zehntausende Häftlinge in den Vernichtungsorten im Osten ermordet worden und weitere erwartete der Tod.

Der nazistischen Propaganda sollte auch ein Film dienen, der in Theresienstadt im August und September 1944 gedreht wurde. Die Kulissen der frisch verschönerten Stadt sollten zur Präsentation eines fiktiven Bildes des zufriedenen Lebens in einer jüdischen Siedlung ausgenutzt werden. Zur Teilnahme an den Dreharbeiten wurden auch einige Häftlinge gezwungen, mit dem berühmtem Regisseur Kurt Gerron an der Spitze. Die Dreharbeiten selbst verliefen allerdings genau nach den Befehlen der SS. Die Aufnahmen zeigten z. B. eine Beratung des Ältestenrates, ein Kabarett in der Natur, das Kaffeehaus, die Bank, eine Aufführung der Kinderoper Brundibár im Gemeinschaftshaus sowie ein Fußballspiel in einem Theresienstädter Kasernenhof.

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