Dezimierungs- und Transitfunktion von Theresienstadt

Die Hoffnung der Häftlinge, dass Theresienstadt zum Ort wird, wo sie bis zum Ende des Krieges werden leben und arbeiten können, ging schnell in die Brüche. Am 5. Januar 1942 wurde in einem sog. Tagesbefehl, in dem Anweisungen und Anordnungen für Häftlinge veröffentlicht wurden, der bevorstehende Transport nach Riga angekündigt. Es war der erste von 63 solchen Transporten, mit denen mehr als 87 000 Menschen aus Theresienstadt nach Osten deportiert werden sollten. Die Befreiung erlebten nur etwa 3800 von ihnen.

Erst zwei Wochen später, am 20. Januar 1942, fand die berüchtigte Konferenz in Wannsee statt, an der hohe Funktionäre der SS und der Regierung teilnahmen. Unter Reinhard Heydrichs Vorsitz besprachen sie den weiteren Vorgang bei der Verwirklichung des verbrecherischen Programms der Endlösung der Judenfrage. Theresienstadt wurde bei dieser Konferenz eine neue Funktion zugewiesen. Es sollte nicht mehr nur ein Sammel- und Transitlager für Juden aus dem Protektorat Böhmen und Mähren sein, sondern auch als Altersghetto für Juden aus Deutschland und Österreich dienen. Nach Theresienstadt sollten vor allem Personen im Alter von über 65 Jahren, aber auch Träger von hohen Militärrängen und Auszeichnungen, Politiker, Wissenschaftler und andere Menschen mit wichtigen Kontakten ins Ausland kommen. Der Sinn dieser Vorkehrung bestand darin, den sich mehrenden Protesten aus dem Ausland zugunsten bedeutender Persönlichkeiten vorzubeugen und mit der Konzentration von alten Menschen in Theresienstadt die Glaubwürdigkeit der Behauptung zu unterstützen, dass die jüdischen Transporte nach Osten in Arbeitslager zielen.Adolf Eichmann sagte am 6. März 1942 bei einer Besprechung seines Stabes in der Berliner Zentrale der Gestapo, dass Theresienstadt zum Altersghetto ausgewählt wurde, um nach außen hin das Gesicht zu wahren. Die neue Funktion des Ghettos verlangte auch eine beträchtliche Vergrößerung seiner Kapazität. Bis dahin wurden die Häftlinge in bewachten Kaserneobjekten konzentriert, von denen es in der Stadt insgesamt elf gab. Jetzt war es jedoch nötig, die ganze Stadt zu einem großen Lager zu machen. Im Februar 1942 wurde mit Heydrichs Erlass die Gemeinde Theresienstadt aufgelöst und die Zivilbevölkerung musste die Stadt bis Ende Juni räumen.

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Gedenkbogen zur Auflösung der Zivilpost in Theresienstadt.

Noch vor dem kompletten Abgang der Zivilbevölkerung begannen Transporte mit alten Menschen und Prominenten in Theresienstadt einzutreffen. Zuerst kamen diese aus Deutschland und Österreich, ab 1943 auch aus den anderen Ländern unter deutscher Okkupationsverwaltung - den Niederlanden und Dänemark - zu strömen. Der erste Transport aus Berlin traf schon am 2. Juni 1942 ein. Noch in demselben Monat folgten weitere dreizehn Transporte aus Berlin und zehn Transporte aus München. Am 21. und am 29. Juni kamen die ersten Transporte aus Wien an. Das war jedoch nur die Vorhut einer großen Welle weiterer Transporte. Allein in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 kamen aus Deutschland 124 Transporte mit 30 989 Häftlingen, aus Österreich elf Transporte mit 11 922 Häftlingen und aus den okkupierten Grenzgebieten der böhmischen Länder acht Transporte mit 355 Häftlingen an. Vor allem für die Masse der neu ankommenden alten Menschen stellte das Misere des Ghettolebens einen riesigen Schock dar. Alte Menschen aus Deutschland hatten sogenannte Heimeinkaufsverträge abschließen müssen, die sie fast ihr gesamtes Vermögen kosteten. Anstelle der versprochenen lebenslangen Unterkunft in einer Kurstadt erwartete sie nach der Ankunft in Theresienstadt die rohe Realität des Ghettolebens.

Übersichtskarte der Transporte aus Deutschland und Österreich nach Theresienstadt.

Aufgrund des Zustroms der neuen Transporte erreichte das Ghetto im September 1942 die Grenze seiner Unterkunftskapazität. In diesem Monat befanden sich hier bis zu 58 491 Häftlinge im Vergleich zu 12 968 Häftlingen im April desselben Jahres. Oft herrschte ein unbeschreibliches Chaos - alles war durcheinander, die neu ankommenden Transporte wurden nur mit größten Schwierigkeiten in Dachböden, in den Kasematten der alten Wehrgänge sowie in Schuppen in den Höfen der Häuser untergebracht. Vor allem die aus Deutschland und Österreich kommenden alten Menschen waren tief traumatisiert und in ihrer Verzweiflung unterlagen sie schnell Krankheiten und Hunger. Während sich zwischen April und September die Zahl der Häftlinge vervierfachte sich, stieg die Zahl der Todesfälle aufs Fünfzehnfache. Für das Problems der Überfüllung des Ghettos hatte die SS jedoch ein einfaches Rezept - die Verschickung von Tausenden von Menschen in die Vernichtungslager im Osten. Als Erste fuhren in den Transporten gerade alte deutsche Juden ab, die zuvor ihr neues Heim in Theresienstadt gekauft hatten. Der Chef der SS Heinrich Himmler erklärte dabei heuchlerisch bei seiner Audienz beim italienischen Diktator Mussolini am 11. Oktober 1942: die restlichen alten Juden werden im Städtchen Theresienstadt, dem Altersghetto der Juden, untergebracht, sie bekommen ihre Pensionen und Bezüge und sie können ihr Leben dort ganz nach ihrem Geschmack gestalten.

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