Ghetto ohne Mauern

Europäische Antisemiten aller Art haben schon immer den Ausschluss der Juden aus der Volksgemeinschaft, deren Isolierung und Einschränkung derer Rechte verlangt (siehe beispielsweise Rudolf Vrbas Nationales Selbstverteidigungsprogramm aus dem Jahre 1897; auf Tschechisch). Im Grunde genommen wollten sie also mittelalterliche Ghettos wiedereinführen, aber in diesem Fall waren es Ghettos ohne Mauern, deren Grenzen nicht territorial waren, sondern darin bestanden den Juden Verbote und Einschränkungen aufzuerlegen. Juden sollten Bürger zweiter Klasse werden, vor denen sich die Mehrheit der Bevölkerung angeblich schützen musste und die man bestenfalls in diesem oder jenem Land tolerieren kann. Die Nazis begannen mit der Umsetzung dieser Vorstellungen auch im Protektorat. Unzählige Dekrete und Edikte der Protektoratsregierung zielten darauf ab Juden vom Rest der Gesellschaft zu isolieren.

Es war Juden verboten gewisse Straßen, Plätze, Parks, Wälder und andere öffentliche Orte zu betreten. Ab September 1939 war es ihnen nicht mehr erlaubt sich nach acht Uhr abends noch außer Haus zu befinden. Ab November 1940 war es ihnen auch nicht mehr erlaubt ihre Gemeinden ohne Sondergenehmigung zu verlassen . Juden durften Theater, Kinos, Lokale, Cafés, Schwimmbäder, Bibliotheken und Sport- und Unterhaltungsanlagen nicht mehr betreten. Wenn sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren, mussten sie im hintersten Abteil stehen. In Zügen war es ihnen verboten die Speise- und Schlafwaggons zu benutzen und es war ihnen nur gestattet in der untersten Klasse zu reisen, und wiederum nur im hintersten Abteil. Auch Warteräume und andere Bahnhofsanlagen durften sie nicht benutzen. Einkaufszeiten für Juden wurden auf zweimal zwei Stunden pro Tag beschränkt, später auf nur zwei Stunden pro Tag. Den Juden wurden ihre Radios weggenommen, sie hatten eine eingeschränkte Essensauswahl und es war ihnen verboten Haustiere zu halten. Man könnte noch viele mehr solche Verbote aufzählen, die alle darauf abzielten die Juden zu demütigen und eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen und dem Rest der Bevölkerung zu bauen.

Im Zuge der Arisierung jüdischen Eigentums mussten Juden all ihr Eigentum, inklusive Kunstgegenstände, Schmuck, Immobilien, Radios, Bankkonten und Versicherungspolizzen deklarieren. Es war ihnen nicht erlaubt frei mit diesem, ihrem eigenem Eigentum, zu handeln und später wurde es konfisziert und fiel so dem Reich in die Hände. Juden wurden aus ihren Wohnungen vertrieben und oft mussten mehrere Familien zusammenziehen. Ein Regierungserlass vom Oktober 1939 machte es möglich Juden ohne Entschädigung und Prämien zu entlassen. Juden konnten zur Zwangsarbeit einberufen werden, hatten keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub, mussten von anderen Angestellten isoliert sein und waren von Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, sowie Arbeitszeitenregelungen ausgenommen.

Jüdische Kinder wurden von deutschen Schulen ausgeschlossen und ab August 1940 auch von tschechischen Öffentlich- und Privatschulen . Ab 1941 waren auch die Trainingskurse der jüdischen Glaubensgemeinschaften verboten und ab Juli 1942 war es auch nicht mehr erlaubt an jüdischen Schulen zu unterrichten. Nichtsdestotrotz organisierte man insgeheim Unterricht für jüdische Kinder.

Um sicher zu stellen, dass Juden in der Gesellschaft isoliert waren, mussten sie leicht erkennbar gemacht werden. Ab März 1940 wurden jüdische Ausweise mit einem J für Jude versehen. Ab dem 1. September 1941 durften Juden, die 6 Jahre oder älter waren, nur mehr außer Haus gehen, wenn sie einen gelben sechszackigen Stern mit dem Wort Jude an ihrer Kleidung angebracht hatten. Bürger des Protektorats wurden in den Medien auch davor gewarnt mit so gekennzeichneten Juden zu interagieren, da sie sonst wie Juden behandelt würden.

Fotografien aus der Publikation Die Geheimnisse des Jüdischen Friedhofs in Prag (Text auf Tschechisch), veröffentlicht im Jahre 1942 im Zuge einer judenfeindlichen Nazi-Kampagne

Öffentlich gelebter Antisemitismus und die Verfolgung der Juden wurden Teil des Alltags der Protektoratsbewohner. Andererseits milderte der gemeinsame Feind, Nazi-Deutschland, und einfaches menschliches Mitgefühl den tschechischen Antisemitismus. Viele Tschechen unterstützten ihren jüdischen Freunden und Nachbarn die allumfassenden Verbote zu umgehen und halfen jenen, die sich versteckten, um der Deportation zu entgehen, im Verborgenen zu überleben. Die meisten allerdings zeigten sich der Verfolgung der Juden gegenüber gleichgültig, da sie sich und ihre Familien nicht gefährden wollten.

  • Literatur:

  • Petrův, Helena. Židé v legislativě Protektorátu Čechy a Morava (Juden in der Gesetzgebung des Protektorats Böhmen und Mähren). Praha: Institut Terezínské iniciativy - Sefer, 2000.

  • Lagus, Karel; Polák, Josef; Polák, Karel. Město za mřížemi (Stadt hinter Gittern). Praha: Naše vojsko - SPB, 1964, s. 365.

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